Was für ein Hotel! Finn war begeistert. Schwimmbad und Fitnessraum – so etwas hatten sie noch nie gehabt, wenn sie auf Reisen waren. Während sein Vater und seine ältere Schwester Joanna oben im sechsten Stock ihre Koffer auspackten, war Finn mit dem Fahrstuhl in den Keller gefahren, den Wegweisern gefolgt und nun stand er am Rand des großen Pools. Beim Anblick des Beckens nickte er zufrieden. Er raste wieder hinauf ins Zimmer, um seine Badehose zu holen. Wie wild klopfte er an die Tür.
Endlich öffnete sein Vater.
Finn düste an ihm vorbei und rief: »Leute, das müsst ihr gesehen haben! Die haben da unten ein echtes Schwimmbad. Das muss ich gleich ausprobieren. Joanna, kommst du mit? Papa, wo ist meine Badehose?«
Die letzte Frage war eigentlich überflüssig. Finn hatte die Badehose in seinem Koffer extra ganz nach oben gelegt, weil er das Schwimmbad schon zu Hause auf der Website des Hotels gesehen hatte. Er rannte zu seinem Koffer, öffnete ihn, griff nach seiner Badehose und steuerte auf das Badezimmer zu, um sich ein Handtuch zu schnappen. Da merkte er erst, dass sein Vater und seine Schwester ihn ansahen, als hätte er irgendwo eine Fensterscheibe zertrümmert.
Joanna machte mit der Hand eine Scheibenwischerbewegung vor ihrem Gesicht. »Haben sie dich gebissen?«
Sein Vater formulierte es etwas netter. »Schwimmen?«, fragte er. »Jetzt? Du weißt doch, dass wir gleich losfahren.«
Finn stutzte. Losfahren? Wohin? Jetzt fiel es ihm wieder ein. Sie waren nicht zum Vergnügen nach Paris gekommen. Also er und seine Schwester schon, aber sein Vater nicht. Der war als Kunstmaler zu einer internationalen Künstlerfachtagung in Paris eingeladen. Und da ihre Mutter, von Beruf Handelsvertreterin, auf Reisen war, passte es der Familie ganz gut, dass gerade Pfingstferien waren und der Vater die Kinder mitnehmen konnte.
Papa musste also tagsüber zum Kongress. In der Zeit konnten die Kinder Paris erkunden. Natürlich nicht allein. Dafür war die Stadt mit ihren mehr als 2,2 Millionen Einwohnern zu groß und die Kinder zu jung. Paris war die dichtbesiedeltste Stadt Europas. In der Metropolregion lebten mehr als zwölf Millionen Menschen. Aber ein befreundeter Künstlerkollege von Papa, der in Paris wohnte, hatte eine ältere Tochter, die sich bereit erklärt hatte, mit Finn und Joanna etwas zu unternehmen. Sie hieß Lilou und war sechzehn Jahre alt.
Finn war froh, dass Lilou kein Junge war. In sie würde sich Joanna nicht verlieben. Das tat sie auf Reisen nämlich regelmäßig und das ging Finn mächtig auf den Zeiger.
»Ins Schwimmbad kannst du auch zu Hause gehen«, sagte Joanna jetzt. »Mann, wir wollen Paris kennenlernen! Die Stadt der Liebe und der Mode!«
Finn verzog das Gesicht. Liebe und Mode interessierten ihn nicht. In den Louvre wollte er gehen. Nicht unbedingt wegen der »Mona Lisa« und anderer weltberühmter Gemälde, die dort ausgestellt waren. Er wollte den Sully-Flügel besuchen. Da gab es einen richtigen Burggraben aus dem Mittelalter, durch den man sogar gehen konnte. Außerdem konnte man Schätze und Statuen aus dem Altertum bestaunen, Grabbeigaben aus Ägypten, Palast- und Tempelschmuck aus dem Nahen Osten oder römische und etruskische Sarkophage und Waffen.
Hier fand man die weltberühmte Marmorstatue »Venus von Milo«, die einst zufällig auf einem griechischen Acker gefunden worden war. Genau das Richtige für Finn, der die Archäologie schon immer spannender gefunden hatte als die Malerei. Ganz im Gegensatz zu seinem Vater und seiner Schwester. Die konnten dann ja gern an der »Mona Lisa« Schlange stehen hinter den Tausenden fotografierenden Japanern.
Doch bevor sie mit dem Besichtigungsprogramm anfingen, ging es mit der Metro zu Lilou. Die Fahrt mit der Pariser U-Bahn dauerte nur vier Minuten, von der Place d’Italie, in deren Nähe ihr Hotel war, bis zur Place Monge.
Von dort liefen sie zu Fuß weiter Richtung Bo