Kapitel 1
Das war ja mal wieder klar: Wochenlang habe ich darauf gewartet, dass was passiert und Mama in den Ferien doch noch mit mir irgendwohin fährt. Wo aus Paris und dem Eiffelturm ja schon nichts geworden ist. Und aus Venedig, wo man mit Gondeln über die Kanäle fährt. Auch von Südfrankreich, wo es riesige Lavendelfelder gibt und es bis zum Meer nicht mehr weit ist, hat Mama immer nur geschwärmt und wir haben es dann doch nicht gemacht. Nichts hat gepasst, weil wieder so viel Stress in der Firma war, dass Mama dachte, sie kann auf keinen Fall weg. Ihre Arbeit geht immer vor. Mama glaubt, ohne sie laufe sowieso alles schief. Bloß, was aus mir wird, interessiert sie irgendwie nicht. Da kann sie tausendmal behaupten, sie wäre vor allem doch nur froh, dass es mich gibt.
Manchmal bin ich ganz schön sauer auf sie. Weil ich so ziemlich die Einzige in der Klasse bin, die in diesem Sommer gar nicht wegfährt.
Tja, und ausgerechnet jetzt, wo Mias Vater mit uns klettern gehen will, fällt Mama ein, dass sie noch eine alte Freundin hat, die in Norddeutschland wohnt. Jahrelang haben sie nichts voneinander gehört und dann hat Mama im Internet nach ihr gesucht und sie wiederentdeckt.
»Sie hat ein Haus direkt am See, stell dir vor«, erzählt Mama aufgeregt, nachdem sie sie einfach angerufen hat. Über eine Stunde haben sie telefoniert. »Das habe ich gar nicht gewusst. Und dass sie zwei Kinder hat. Schafe übrigens auch. Und Katzen. Und einen Hund. Sie hat uns eingeladen. Wir könnten für ein paar Tage kommen.«
»Und wann?« Ich schaue Mama an. »Die Ferien sind bald vorbei.«
Mama seufzt. »Ich weiß«, sagt sie. »Wir sollten uns schnell entscheiden.« Sie holt Luft. »Wie wäre es, wenn wir gleich morgen früh losfahren würden?«
»Aber …« Ich weiß nicht, was ich sagen soll. »Und was wird dann aus unserem Klettern?«
»Ach das.« Mama schluckt. »Lässt sich das nicht verschieben?«
In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Und am liebsten würde ich sagen: »Dazu ist es zu spät.« Dabei ist ein See in Norddeutschland immerhin besser als nichts.
»Es würde uns guttun«, sagt Mama. »Meinst du nicht auch?«
Vielleicht hat sie recht. Ich finde es trotzdem gemein, dass sie erst jetzt damit kommt, und schiebe sie von mir weg, als sie mich in den Arm nehmen will. »Ich muss noch mal los«, murmele ich. »Mit Mia und Lea reden.«
Mama nickt. »Sei lieb«, sagt sie. »Und bleib nicht zu lang. Wenn wir wirklich fahren, müssen wir ja noch packen. Und …« Sie schaut mich fest an. »Verdirb es uns nicht.«
»Pff!«, mache ich und atme tief durch. Dann renne ich die Straße runter um die Ecke herum. Mia und Lea warten schon auf mich. Stolz zeigen sie mir die Powerriegel, die sie für unsere