Der Radfahrer kam von hinten. Joanna bemerkte ihn nicht. Auch Finn hätte ihn übersehen, wenn er sich nicht instinktiv genau im richtigen Moment umgeschaut hätte. Das Fahrrad raste direkt auf sie zu.
»Pass auf!«, rief Finn, schubste seine ältere Schwester zur Seite und sprang selbst zur anderen. Joanna stieß gegen die Hauswand. Doch noch ehe sie sich bei ihrem Bruder wegen des rabiaten Stoßes beschweren konnte, sauste der Radfahrer an ihrer Nase vorbei. Sie zog noch schnell den Kopf ein und schützte ihn mit den Händen. Dafür bekam sie den Ellenbogen des Rüpels so heftig in die Rippen gerammt, dass ihr für einen Moment die Luft wegblieb.
Finn schaute dem Wahnsinnigen fassungslos hinterher. »Tickt der nicht mehr ganz richtig?«, schimpfte er und half seiner Schwester, die sich die Seite hielt und tief durchatmete.
»Mann«, stöhnte sie. »Wenn du nicht gewesen wärst, hätte der mich glatt über den Haufen gefahren!« Ihre Beine zitterten.
»Willst du dich setzen?«, fragte Finn.
Joanna schüttelte den Kopf. Auch, weil es weit und breit keine Sitzgelegenheit gab.
»Nein, schon gut«, sagte sie mit bebender Stimme. »Mann, hier in Berlin sind die Radfahrer ja gemeingefährlich! Komm, wir gehen lieber schnell hinein.«
Sie standen vor einem kleineren Seiteneingang des Reichstags, dem Sitz des Deutschen Bundestags.
Finns Schritte verlangsamten sich, als er die Schwelle betrat. Nicht, weil das Gebäude an dieser Stelle besonders imposant und majestätisch war. Im Gegenteil! Es wirkte alles wie bei einer ganz normalen Behörde. Was Finn Respekt einflößte, waren die zwei Sicherheitsleute in dem Glaskasten am Eingang. Gerne ließ er Joanna den Vortritt. Hinter ihnen wartete bereits eine ganze Schulklasse.
Ein Mann in einem dunklen Anzug zwängte sich durch die Schülertraube hindurch, hastete an Finn vorbei und hielt kurz einen Ausweis in die Höhe, den in dieser Eile sicher niemand lesen konnte. Dennoch öffnete sich die Sicherheitsglastür neben der Pförtnerloge mit einem lauten Summen und ließ den Mann passieren, sodass er sein Tempo nicht verringern musste. Einer der beiden Sicherheitsleute nickte ihm freundlich zu. Offenbar war der Mann bekannt. Erstaunlich, fand Finn. Wo doch in diesem Gebäudekomplex 1600 Leute arbeiteten. Das hatte er in einer Informationsbroschüre gelesen.
Joanna drehte sich zu ihm um. »Wo bleibst du?«
»Ich komm schon«, antwortete Finn leise.
Denn auch er und seine Schwester besaßen Ausweise, mit denen man ihnen sofort Einlass gewähren würde.
Joanna und ihr Bruder hatten sich neben einigen Tausend anderen Schülern für das erste »Bundes-Kinderparlament« beworben, das im echten Bundestag in Berlin tagen würde. Bisher hatte es nur sogenannte »Jugendparlamente« gegeben, die nichts weiter waren als Rollenspiele. Die Jugendlichen mussten konservative oder linke Politiker spielen und über bestimmte politische Themen disk