Fr., 29.03.
Als Joël Hummel heute an mir vorbei über den Hinterhof ging, konnte ich sofort erkennen, dass er loszog, um ein Mädchen zu küssen. Er sah gleichzeitig siegessicher und aufgeregt aus, fuhr sich durchs Haar wie ein olympischer Sprinter kurz vor seinem Lauf auf der Tartanbahn und umfasste dann wieder sein Handgelenk mit Daumen und Mittelfinger, als müsste er sich hinter sich selbst herziehen. Und zum ersten Mal erschien es mir nicht mehr unsinnig, etwas in dieses überteuerte Notizbuch mit Goldschnitt und Lesebändchen zu schreiben, das ich (ohne dass ich es mir gewünscht hätte) zu meinem dreizehnten Geburtstag bekommen hab.
Ich gehe davon aus, dass Mama und Papa es mir als Tagebuch andrehen wollten. Malve schreibt ja seit Jahren Tagebuch und meine Eltern neigen idiotischerweise dazu, von ihr auf mich zu schließen. Dabei ist das, was Malve dazu bringt, Tagebuch zu schreiben, genau das, was mich von ihr unterscheidet. Meine liebe Schwester beschäftigt sich nämlich den ganzen Tag mit sich selbst – und zwar so, dass jeder um sie herum es mitbekommt, ob er will oder nicht. Seht her, Malve Weill, achtzehn, Mittelpunkt der Welt! Schön, schlau, unvergleichlich. Wie praktisch ist da doch ein Tagebuch, in dem auch noch alles festgehalten wird, was Malve Weill macht und Malve Weill denkt und Malve Weill fühlt. Die Nachwelt wird sich darauf stürzen!
Ich selbst finde Tagebuchschreiben so ziemlich das Uninteressanteste, was es gibt, aber ich bin natürlich auch nur Magali Weill. Reicht mir schon, jeden Morgen aufzuwachen und immer dieselbe zu sein, ich, ich und nochmals ich:
* mit all den komischen Gedanken, die mir beim Aufwachen als Erstes in den Kopf schießen (Was wäre wenn?, Wie würde ich dies?, Wann würde ich das? und: Werden Cara, Aurelia und Kimberley mich heute beachten oder werde ich in der Pause wieder mal allein rumstehen?)
* mit den immer gleichen Tagesabläufen (Schule, Hausaufgaben, bisschen Klavierüben, bisschen Rausgehen, Schlafen) und
* mit meinen leider viel zu langen Beinen.
Da muss ich nicht auch noch tagein, tagaus in einem Tagebuch über mich berichten.
Aber dann hab ich eben gesehen, wie Joël Hummel sich am Handgelenk über den Hinterhof zog, und ich dachte, er selbst wird das vielleicht nicht aufschreiben. Also wie er an diesem sonnigen Freitagnachmittag Ende März aufgebrochen ist, um ein Mädchen zu küssen (ich schätze, so ein zierliches, niedliches), während ich, gerade von meiner Klavierstunde zurück, mein Fahrrad abschloss und seine Zeugin wurde. Vielleicht wird es nicht mal das Mädchen notieren, selbst wenn Joëls Kuss der erste in seinem Leben war. Es wird wahrscheinlich nur eine Weile daran denken und dann einen anderen Jungen küssen und noch einen anderen und Joël Hummels Kuss irgendwann vergessen. Niedliche Mädchen müssen sich über das Geküsstwerden ja keine großartigen Gedanken machen.
Dabei ist es bestimmt unbeschreiblich, seinen ersten Kuss von Joël zu bekommen! Er hat einen schönen Mund in einem schönen Gesicht, er ist sechzehn und noch dazu ein halber Franzose. Außerdem ist er schätzungsweise 1,86, das würde sogar für mich genügen. Jedenfalls noch eine kleine Weile, sechs, sieben Zentimeter bleiben mir bis zum kr