: Petra Postert
: Flussabwärts nach Amerika
: Tulipan Verlag
: 9783641329327
: 1
: CHF 10.80
:
: Jugendbücher ab 12 Jahre
: German
: 256
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Zwei Außenseiter suchen die Freiheit und das Glück! Allein auf dem Rhein bis Rotterdam und von dort auf einem der riesigen Auswandererschiffe nach Amerika! Im Jahr 1790 ist das ein waghalsiger Plan. Aber Jacob sieht keinen anderen Ausweg. Denn der Schlüssel zur wertvollen Truhe der Fischer ist ihm in den Fluss gefallen. Dass es ein Missgeschick und kein Diebstahl war, wird ihm, dem Findelkind, wohl keiner glauben. Und so will er seinem Stiefbruder folgen, der sich schon vor Jahren aus dem kleinen Dorf am Oberrhein nach Amerika aufgemacht hat. In einem Fischerkahn begibt sich Jacob auf die weite, abenteuerliche Reise. Begleitet nur von seinem Schwein und bald auch vom Gaunermädchen Amie. Werden sie allen Gefahren trotzen und das große Ziel - Amerika - erreichen?

Petra Postert war nach ihrem Studium Redakteurin und Autorin beim SWR-Hörfunk. Heute schreibt sie Kinderbücher und -geschichten fürs Radio. Einige ihrer Bücher sind in verschiedene Sprachen übersetzt und waren für Literaturpreise nominiert. Sie lebt nahe Düsseldorf.

I.Der Schlüssel


FLUSS

Die Aale schlafen, die Hechte haben einen Mordshunger und sind schon seit dem frühen Morgen auf Beutefang, der Fluss hält still und horcht. Er hat die Pfiffe gehört. Ist da der Junge? Jetzt wieder. Die Pfiffe schießen wie Pfeile. Niemand im Dorf kann so durchdringend pfeifen wie der Junge. Aber ist er es auch? Er hat ihn heute noch gar nicht gesehen.

Im engen Bogen umfließt der Fluss das Dorf. Von oben betrachtet könnte man meinen, er halte es schützend in seinem Arm. Die Leute im Dorf aber würden sagen, so ist es nicht. Der Fluss sei launisch, ein furchtbar unberechenbares Wesen. Und immer rechneten sie mit dem Schlimmsten. In manchen Jahren hat er ihre Ernten ertränkt und Häuser zerstört, andernorts, gar nicht weit von hier, hat er gleich die ganze Siedlung samt Mensch und Vieh verschlungen. Sie könnten sich fernhalten vom Fluss, einfach fortgehen von hier. Aber mit seinen Wassern, seinen Fischgründen hält er sie auch am Leben. Sogar wertvolles Gold führt er in seinem sandigen Geschiebe, klein­ste Plättchen, die in den Pfannen der Goldwäscher funkeln wie die Sterne am Himmel. Güte und Grausamkeit. So und nicht anders kennen sie ihren Fluss. Und er kennt sie auch, kennt ihre Gesichter, ihre Stimmen, lauscht ihrem Leben seit eh und je. Und vergisst nichts. Einmal hat er ein Kind hierhergebracht, einen winzigen Jungen. Die alte Hanne meint, der Fluss gebe seither auf ihn acht. Der Fluss heißt Rhein, der Junge Jacob. Und es ist Mitte Mai im Jahr 1790. Im Sonnenlicht glitzernd strömt der Fluss dahin und hält Ausschau nach dem Jungen.

JACOB

Das Schwein ist weg. Es ist ja nicht ungewöhnlich, dass es allein umherstreift, allein nach Futter sucht, dass Jacob nicht dauernd sein Grunzen und Schmatzen hört, während er Holz sammelt, Fische fängt oder am Flussufer am Feuer sitzt. Aber es ist ungewöhnlich, dass es nicht kommt, wenn er nach ihm pfeift. Und Jacob hat gepfiffen, viele Male schon und in alle Himmelsrichtungen. Nun sucht Jacob nach ihm. Ziellos. Ruft. Pfeift. Die Sonne steigt höher, die Zeit verstreicht, das Schwein bleibt verschwunden. Und dann meint er plötzlich ein Grunzen zu hören. Ganz sicher ist er zwar nicht, aber er rennt sofort los, bricht durchs Dickicht, rennt und rennt, stößt sich den Kopf an einem Ast, kurz wird ihm schwarz vor Augen, aber er reibt sich nur di