Junge Wilde
Frischlinge bilden nach ihrer Geburt sofort einen richtigen Schweinehaufen. Zwei bis drei Wochen bleiben sie aneinander gekuschelt in einer Bodenmulde im Wald liegen, wo man sie wegen ihrer Fellzeichnung kaum erkennen kann. Denn die Welt ist hungrig, und nichts wäre gefährlicher, als Aufmerksamkeit zu erregen.
Fasziniert starre ich auf diese Worte, so klein und unauffällig und doch mit der Wirkung eines Martinshorns, das direkt hinter dir eingeschaltet wird. Ja, die Welt ist hungrig, genau so ist es, genau so fühle ich mich in letzter Zeit! Wie ein hilfloses Opfer, ausgesetzt in einer Wildnis voller Gefahren, umkreist von zähnefletschenden Raubtieren, meist in Gestalt von Lehrern und Mädchen.
Gebannt richte ich mich auf, um den ganzen Artikel der ZeitschriftFun und Facts, die ich mir regelmäßig von Mamas Nachttisch mopse, zu lesen. Er trägt die Überschrift:Junge Wilde – Was wir von der Tierwelt übers Erwachsenwerden lernen können. Und dann kommt es:Allgemeine Regelnsind in der Naturwissenschaft gefährlich, aber keine ist sichererals die, dass es einem Tier selten nützlich ist, aufzufallen. Und die einfachste Art, unauffällig zu sein und nicht bemerkt zu werden, ist die Entwicklung von Farbtönen und Muster der natürlichen Umgebung.
Genau in diesem Moment dringen aus der Küche unheilvolle Geräusche. Ein Surren, ein Dröhnen, ein Quietschen. Dann, plötzlich, ein Poltern, gefolgt von Flüchen und Schreien.
»Au, verdammt!«
»Warte, noch nicht!«
»Hilfe!«
Stöhnend lasse ich mich wieder in die Kissen fallen. Die Geräusche aus der Küche nehmen zu. Inzwischen klingt es, als hätte eine hyperaktive Abrissbirne ihre Arbeit aufgenommen. Unwillkürlich strecke ich eine Hand aus, um zu prüfen, ob schon Putz von der Decke rieselt. Nein, das zwar noch nicht, aber ansonsten muss ich auf alles gefasst sein, das ist mir klar. Bestimmt hat sich Mama wieder etwas ganz Besonderes einfallen lassen, um Papa »den Alltag zu erleichtern«. Die komplette Wohnung ist voll von diesen genialen Einfällen, die leider allesamt einen klitzekleinen Nachteil haben: Sie funktionieren nicht.
Unter mir knistert es. Aus Versehen habe ich mich auf den Brief gelegt, den ich Mama und Papa eigentlich heute in einem besonders günstigen Moment geben möchte. Da lässt ein plötzliches Krachen aus der Küche die Seiten meiner Zeitschrift erzittern. Jetzt jedenfalls ist kein sehr günstiger Moment, soviel steht fest.
Zusätzlich sind Tiere sicherer, wenn sie sich in einer Gruppe aufhalten, denn schließlich kann der Beutegreifer nicht alle gleichzeitig fressen. Die Schutzwirkung für die Individuen in dieser Gruppe ist enorm groß – insbesondere für die jüngeren Mitglieder.
In der Küche wird jetzt so laut gebohrt, dass mir die Vibration sogar hier auf meinem Bett noch in den Ohren kitzelt.
Schwarz auf weiß steht es da: Wenn man nicht gefressen werden will, muss man unauffällig bleiben und sich anpassen. Und die Gruppe, in der man lebt, bietet den besten Schutz.
Und was ist, wenn diese Gruppe selbst so unauffällig ist wie eine Orchidee in einem Schweinetrog?
»Karliiiiii«, schreit jemand. »Karliiiiii, komm mal her!«
Jetzt kann ich die Küchen-Apokalypse nicht mehr ignorieren. Seufzend schwinge ich meine Beine aus dem Bett und stehe auf. Kurz zögere ich, aber da