Vergissmeinnicht
Der Kellner erinnert mich an den Typi, der letztes Jahr Oma Uschis Urne ins Grab abgeseilt hat. Er trägt einen schwarzen Anzug über dem weißen Hemd mit schwarzer Fliege und steht so aufrecht und unbeweglich hinter der gläsernen Kuchenvitrine, dass man glauben könnte, er sei tot. Was er – wie ich schon weiß – nicht ist, denn er hat uns vor zehn Minuten Kaffee und Kakao an den Tisch gebracht. Während Mama mit dem Löffel in ihrer Kaffeetasse rührt und es schafft, in immer gleichen Abständen ein leises, aber nervigesPling! hervorzuzaubern, fixiere ich seine Augen und zähle. Bei 35 muss der Kellner endlich blinzeln und ich gähnen. Es ist Samstagmorgen kurz nach neun, ich bin müde und hab nicht die geringste Ahnung, warum wir hier sind, denn beerdigt wird bei uns, soweit ich weiß, heute niemand und einziehen werden wir hier wohl kaum.
»Magst du ein Stück Kuchen zum Frühstück, Enna?«, fragt Mama plötzlich, ohne die Rührerei zu unterbrechen, denn sie hat meinen Blick zur Vitrine bemerkt. Eigentlich habe ich noch keinen richtigen Hunger, aber dann höre ich mich plötzlich »Torte« sagen. Mama dreht sich um und winkt nach dem Kellner, der sich unerwartet schnell von seinem Platz hinter der Vitrine löst und im aufrechten Stechschritt durch das Café auf unseren Tisch zusteuert. Ich zähle sechzehn Schritte, bis der Totengräber bei uns ist und die Bestellung entgegennimmt.
»Meine Tochter hätte gerne ein Stück Torte«, sagt Mama, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, den Samstag mit einem Stück Torte zu beginnen.
»Schokoladentorte«, ergänze ich, doch das reicht dem Kellner nicht aus.
»Wenn Sie mir bitte folgen wollen, um Ihre Auswahl zu treffen«, sagt er mechanisch und ich bereue die Bestellung sofort. Es irritiert mich, wenn Leute mich siezen. Was nicht oft passiert, denn ich bin zwölf. Und der Totengräber ist höchstens 25. Trotzdem erhebe ich mich und laufe hinter ihm her zur Vitrine, 27 Schritte sind es bei mir.
Eins, zwei, drei. Ich zeige auf den Kuchen, der als einziger überhaupt nach Schokolade aussieht, und dann beobachte ich, wie der Kellner überraschend langsam ein Stück davon abschneidet und es äußerst akkurat auf einen Teller schiebt. Ich warte darauf, dass er mir den Teller über die Vitrine reicht, doch er scheint mich nicht mal zu bemerken, jedenfalls guckt er mich nicht eine Sekunde an. Stattdessen läuft er mit meiner Torte in der Hand um die Vitrine herum und im Stechschritt exakt denselben Weg zu unserem Tisch zurück, wo er den Teller an meinem Platz abstellt, um gleich darauf auf seinen Posten hinter der Vitrine zurückzukehren, wobei ich ihm ausweichen muss, denn er ändert seine Route nicht einen Millimeter.
Und deshalb muss ich an Papa denken. Oder vielmehr an die Zombieserie, die er gesuchtet hat, bevor er richtig krank wurde, und die ich eigentlich nicht mitgucken durfte, weil die ab achtzehn ist. Was ich aber trotzdem einmal gemacht habe, als Papa vor dem Laptop eingepennt ist, und was zu einem krassen Streit zwischen Mama und Papa geführt hat. Den ich zwar auch gruselig fand, aber lange nicht so gruselig wie das Zombielächeln, mit dem die beiden ab dann wie ferngesteuert durch uns