§ 1 – Lärmbelästigung
Ich könnte heulen. Mach ich aber nicht. Wenn ich jetzt heule, werde ich nur vom Rest der Klasse ausgelacht. Aber das ist so ungerecht. Es ruiniert mein komplettes Zeugnis. Und alles nur, weil der Kloppstock keine Dinosaurier mag. Und das als Erdkundelehrer! Ich meine, das muss ihn doch interessieren. Vor allem, wenn er die gesamte Geschichte der Dinosaurier in einem fünfundzwanzigseitigen Aufsatz ohne einen einzigen Fehler präsentiert bekommt. Mit selbst gemalten, maßstabsgetreuen Bildern! Alleine daran habe ich volle zwei Tage gearbeitet. Aber das wäre reine Effekthascherei, hat der Kloppstock gesagt. Und außerdem hätte ich das vorgegebene Thema verfehlt. Was natürlich nicht stimmt. Das Thema lautete: Bodenschätze in Deutschland. Und in Deutschland wurden bereits 1834 die ersten Dinosaurierknochen in der Nähe von Nürnberg entdeckt. Im Boden. Wenn das für die Wissenschaft kein phänomenaler Schatz ist, weiß ich auch nicht, was sonst ein Schatz sein soll. Ich hätte irgendwas über Braunkohle oder Steinkohle schreiben sollen, hat der Kloppstock gesagt. So wie alle anderen. Wie langweilig ist das denn? Wenn ich Lehrer wäre, würde ich lieber etwas über Dinosaurier lesen, das ist doch viel spannender. Und wenn ich Lehrer wäre, hätte ich mir selbstverständlich eine Eins für den Aufsatz gegeben. Und im Endzeugnis auch. Aber da steht leider keine Eins. Wobei das noch nicht das Schlimmste am heutigen Tag ist.
Das Schlimmste kommt erst. Ich muss das Zeugnis meinen Eltern zeigen. Mein Vater wird ausrasten. So wie bei jedem Zeugnis. Was die Schule betrifft, bin ich eine große Enttäuschung für ihn. Weil ich zu gut bin. Ich weiß, das klingt seltsam. Ist es auch. Das liegt daran, dass meine Eltern Punker sind. Das sind diese Leute mit den bunt abstehenden Haaren, die man oft in Fußgängerzonen sieht. Punker hören Punkrock, trinken gern Bier, provozieren am liebsten Spießer und verkloppen Nazis. Sie tun nur das, was ihnen Spaß macht, und lehnen alles ab, was normal ist. Die meisten Punker werden irgendwann erwachsen und selbst normal. Dann gehen sie arbeiten, heiraten und kriegen Kinder, wie andere normale Leute auch. Bei meinen Eltern hat das aber leider nicht funktioniert mit dem Erwachsenwerden. Sie sind immer noch so drauf wie mit sechzehn, als sie sich bei einer Anti-Nazi-Demo kennengelernt haben. Vor allem mein Vater, da hat sich seitdem überhaupt nichts geändert. Er ist immer noch durch und durch ein Punker. Und von mir erwartet er dasselbe – ich soll ein guter Punker werden. Deswegen habe ich auch diese seltsame Frisur. Die ist schon okay. Und ich mag sogar Punkrock. Aber noch mehr mag ich es, in die Schule zu gehen und gute Noten zu kriegen. Sehr gute Noten, wenn möglich. Und genau das stört meinen Vater. Ein Punker muss schlecht in der Schule sein und möglichst oft sitzen bleiben. Bei mir besteht eher die Gefahr, dass ich eine Klasse überspringe, was der absolute Albtraum für meinen Vater wäre. Wobei mein aktuelles Zeugnis sicher schon reicht, um ihm schlaflose Nächte zu bereiten. Lustig wird das nicht, wenn ich gleich nach Hause komme. Aber es hilft ja nichts, da muss ich durch.
Als ich eine Viertelstunde später unsere Haustür öffne, strömt mir sofort ein bekannter Duft in die Nase. Sehr gut, heute gibt es das Lieblingsessen meines Vaters, dann hat er wenigstens gute Laune. Ich flitze an der Küche vorbei in mein Zimmer und stelle meinen Rucksack ab.
»Pogo, bist du das?«, ruft meine Mutter.
Ja, das bin ich. Und so heiße ich wirklich. Pog