SCHÖNER EMPFANG
Fritzi tritt nervös von einem Bein auf das andere, die volle Blase quält sie. Aber Jannik zu verpassen, will Fritzi nicht riskieren. Sie lässt das große, eiserne Schultor der Herzberg Gesamtschule nicht aus den Augen und ihre Gedanken springen wild in ihrem Kopf umher wie ein Sack Flöhe. Der Schulhof ist noch wie leer gefegt. In wenigen Minuten wird er sich füllen. Schülerinnen und Schüler werden sich nach sechs Wochen Sommerferien in die Arme fallen und ihrer Wiedersehensfreude freien Lauf lassen. Der erste Tag nach den großen Ferien ist immer etwas Besonderes. Nichts ist mehr, wie es war, alle haben sich verändert, alle haben viel erlebt. Fritzi muss daran denken, wie sie Jannik das erste Mal begegnet ist, gleich dahinten, neben dem Schultor. War das nicht auch der erste Schultag nach den Sommerferien? Oder erst ein paar Tage später? Ihr Gehirn hat die genauen Erinnerungen an diese erste Woche in dichten Nebel gehüllt. So was tut das menschliche Gehirn meistens, wenn ein Schock zu groß, ein Schmerz zu stark ist. Die ersten Begegnungen mit Chiara und Peti und auch die mit Jannik strahlen wie helle Leuchttürme aus diesem Nebel heraus.
Damals hatte sie sich nicht vorstellen können, irgendwann mal einen festen Freund zu haben. Jetzt kann sie sich einfach nicht vorstellen, ihn nicht mehr zu haben. Sie hat die letzten beiden Nächte kaum geschlafen.Ich glaube, wir müssen reden, hatte er in seiner Nachricht geschrieben. Seitdem war das flaue Gefühl in ihrer Magengegend nicht mehr verschwunden. Und auch der leichte Schwindel war bis jetzt geblieben.
Fritzi hatte die letzte Nacht nach Worten gesucht, um Jannik zu sagen, was sie an ihm mag, was sie an sich selbst mag, wenn sie mit ihm zusammen ist. Sie hat tausend Gründe aufgeschrieben, warum er jetzt nicht mit ihr Schluss machen darf! Punkt für Punkt. Gut möglich, dass sie auf diese Begegnung besser vorbereitet ist als auf alle Klassenarbeiten ihres Lebens. Sie hat sich fest vorgenommen, jedes Gefühl von Peinlichkeit zu ignorieren. Sie wird ihm einfach alles sagen und samt ihrer Liebesbekundungen im Erdboden versinken. Wenigstens wird sie am Ende wissen, dass sie nichts unversucht gelassen hat, um ihre Beziehung zu retten.
Fritzi sieht Janniks enttäuschtes Gesicht immer noch vor sich, wie er geguckt hat, als sie ihm sagte, dass er nicht mit reinkommen könne.
»Es ist nicht wegen dir«, hatte sie versucht, ihn zu beschwichtigen. »Wirklich nicht!« Sie hatte sich um Kopf und Kragen geredet. »Ich muss meinen Eltern im Restaurant helfen, die neue Aushilfe ist echt der Untergang, die kann nicht mal zwei Teller gleichzeitig tragen, und Sandrine ist krank.«
Und nachdem sie auch noch sein Angebot auszuhelfen abgelehnt hatte, ging es nur noch bergab.
Allmählich kommen die ersten Schülerinnen und Schüler auf den Hof. Fritzi beißt gedankenversunken auf ihre Lippe. Wie sagt man jemandem, den man so sehr mag, dass man ei