1 Von passenden und unpassenden Kindern
Als Evaline an diesem Morgen ihre Vorhänge öffnete, stürmte Tante Holunda gerade durch den Vorgarten. Und zwar in so einem Tempo, dass Frau Meisel im Nachbargarten sich vor Schreck hinter ihre Hecke duckte.
Normalerweise winkte Frau Meisel Evaline freundlich zu, wenn sie das Mädchen am Fenster entdeckte. Nicht so wie die anderen Nachbarn, die meist einen weiten Bogen um das Haus der Düsterbachs machten und ängstlich ihre Handtaschen umklammerten, wenn sie einem der Bewohner auf der Straße begegneten. Doch diesmal bemerkte Frau Meisel Evaline gar nicht, sondern sah verdattert der groß gewachsenen Dame hinterher, die im Sturmschritt auf das kleine Haus zumarschierte.
»Ich habe eine Lösung!«, donnerte Tante Holunda, sobald sie die Tür aufgerissen hatte.
Evaline äugte über das Treppengeländer nach unten. Bert und Jella Düsterbach, Evalines Eltern, erschienen im Flur.
»Du hast gar nicht gesagt, dass du vorbeikommst«, brummte Bert und nahm seiner Schwester den Mantel ab.
»Weil das Zeitverschwendung wäre«, bellte Tante Holunda. »Ich habe eine Lösung, und zwar eine, die ich euch nicht am Telefon mitteilen wollte!«
Evaline tapste mit nackten Füßen die kalte Treppe hinunter. Wer eine Lösung hat, der braucht auch ein Problem. Und als Evaline Tante Holundas Augen sah, die stechend und wild entschlossen dreinblickten, wusste sie gleich, was – oder besser gesagt WER – dieses Problem war. Nämlich sie selbst, Linchen Düsterbach, elf Jahre alt und von Geburt an gänzlich unpassend.
Es ist so: Gewöhnlicherweise wird ein Kind in eine Familie geboren, in die es genau hineinpasst. Wie ein Puzzlestück. Familie Schreihals bekommt einen Säugling, der kreissägenmäßig kreischen kann – damit man ihn trotz all des Lärms im Haus überhaupt hört. Und Familie Dreckspatz freut sich über ein Töchterchen, das nichts lieber tut, als in Schlammpfützen zu planschen. Der Sohn von Familie Kichermann wiederum giggelt und lacht, sobald er das Licht der Welt erblickt.
Doch manchmal – manchmal geschieht es, dass ein völlig falsches Kind abgeliefert wird, eines, das ganz und gar nicht passt. Und genau das war Familie Düsterbach passiert.
»Wie blass und dünn du schon wieder aussiehst!«, rief Tante Holunda nun, als sie Evaline die Treppe hinabkommen sah. »Wer soll glauben, dass du auch nur einer Fliege etwas zuleide tun kannst?«
Evaline WOLLTE keiner Fliege etwas zuleide tun.
»Sie ist eben zart und klein«, kam J