1. KAPITEL
Worauf habe ich mich da eingelassen? fragte sich Danielle Herte wohl zum hundertsten Mal an jenem Tag.
Ihre aquamarinblauen Augen weiteten sich beim Anblick der Szene, die sie in die Zeit zurückbrachte, als sich der „Amerikanische Westen“ öffnete. Beinahe hundert Mädchen in langen Röcken waren mit unzähligen Aktivitäten beschäftigt. Einige kochten über offenem Feuer, andere quilteten oder flochten einander die Haare, und die beherzteren unter ihnen zielten mit Tomahawks auf Baumstümpfe, die zu diesem Zweck aufgereiht waren. Den Hintergrund am Horizont bildete eine Reihe Planwagen, vor denen sich Bettlaken zum Trocknen im Wind blähten.
Blinzelnd machte sich Danielle klar, dass sie sich in der Gegenwart und nicht in der Vergangenheit befand. Eine Tatsache, die ihr von dem harten, monotonen Rhythmus eines Rap Songs eingehämmert wurde, der unaufhörlich aus dem Lautsprecher im Heck ihres Vans dröhnte.
Bis vor ihrer Abreise von Denver vor vier Stunden hatte Danielle nicht gewusst, dass Mädchen im Alter ihrer Tochter, wenn sie als Gruppe auftraten, nur in höchster Lautstärke miteinander kommunizieren. Ein Glück, dass ich die meisten Liedertexte nicht verstehe, dachte sie und schluckte ihr letztes Aspirin, bevor ihr Wagen auf den kleinen Weg abbog, der als Muddy Gab in Wyoming bekannt war.
Sie fragte sich, wieso sich überhaupt jemand die Mühe gemacht hatte, diesem Ort einen Namen zu geben. Sie stellte den Motor ab und verkündete mit gespielter Freude: „Alles aussteigen. Wir sind da.“
Augenblicklich stürzten sich zehn ausgelassene junge Mädchen aus dem Van und liefen zu den Planwagen, die aus der Zeit von 1850 zu stammen schienen. Eine langbeinige Brünette mit Pagenfrisur und wunderschönen, jedoch unsicher blickenden Augen hielt ein altmodisches Häubchen in der Hand.
„Setz das auf, Mom“, drängte sie. „Bitte, bitte …“
Der höfliche Nachsatz war typisch für Danielles Tochter Lynn. Mit dreizehn erblühte ihr süßes kleines Mädchen zu einem Wesen voller Widersprüche. Einmal zeigte Lynn sich reifer, als es ihrem Alter entsprach, ein andermal war es ihr peinlich, von ihrer Mutter zu sehr behütet zu werden.
Sogar Danielles impulsiver Entschluss, das eigene Outfit aufzupolieren und sich im Kaufhaus eine Farbspülung zu kaufen, mit deren Hilfe sie sich jünger und sorgenfrei fühlen sollte, wurde von ihrer Tochter als böswilliger Akt verstanden, um deren noch nicht gefestigten Status in ihrem Freundeskreis zu sabotieren.
Dabei stellte dies nur einen symbolischen Befreiungsakt von Danielles altem Leben dar und die Hinwendung zu einem neuen. Ein Leben ohne dominierenden Ehemann, der Danielle länger als zehn Jahre völlig unter Kontrolle gehalten hatte. Scott hatte nicht nur ihr Heim und dessen gesamte Möblierung ausgesucht, sondern auch seiner Frau vorgeschrieben, sich extrem konservativ zu kleiden … wohl, damit sie unscheinbar wirken sollte.
Als Danielle das Haarpflegemittel aus dem Regal im Supermarkt gewählt hatte, hatte sie gemeint, ihre Haarfarbe würde nach der Behandlung dem sanften Farbton gleichen, den das entzückende Model auf der Verpackung trug. Stattdessen verwandelte die nach faulen Eiern riechende Lösung ihr natürlich schimmerndes rotbraunes Haar in ein schreiendes Feuerrot. Mit einem tapferen Lächeln musste sie später ihrer entsetzten Tochter erklären, dass sich die Farbe garantiert in weniger als einem Monat auswaschen würde.
Danielle nahm das Häubchen entgegen und verdeckte damit so viel wie möglich von ihrem Haar, ehe sie die Mädchen anwies, zusammenzubleiben und ihr zu folgen. Sie musste ihren langen Rock anheben, damit er nicht über den Boden schleifte, während sie nach dem Unterstand suchte, in dem die Teilnehmer registriert werden sollten.
„Hierher, hierher, Ma’am“, ertönte eine klare Stimme.
Den Treffpunkt kennzeichnete ein farbiges Banner mit den Worten „Romanze im Sturm“. Hinter einem Tisch stand das junge Mädchen, dem die Stimme gehörte. Ein blonder, lusti