: Christian Paulick
: Systemische Beratung
: dgvt Verlag
: 9783871594526
: Grundfragen der Beratung
: 1
: CHF 16.20
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: Psychologie
: German
: 166
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Keine Frage, systemische Beratung ist en vogue! Zudem ist sie komplex und immer in Bewegung. Der vorliegende Band bietet eine solide wie systematisierende Einführung in die Vielschichtigkeit systemischer Beratung(en). Beleuchtet werden historische wie aktuelle Entwicklungslinien, beraterische Grundhaltungen, Methoden und Techniken. Angeboten wird damit eine Standortbestimmung systemischer Beratung, die einen komprimierten Einstieg für Student*innen, Fort- und Weiterbildungsteilnehmer*inne und alle Lerninteressierten ermöglicht.

Prof. Dr. Christian Paulick lehrt an der Hochschule Merseburg für Sozialarbeitswissenschaft und Beratung. Er ist Sozialpädagoge, Systemischer Berater (SG/DGSF), Systemischer (Familien-)Therapeut (SG/DGSF) und Systemischer Supervisor (SG) sowie Mitglied im Forum Beratung der DGVT. In seiner Forschung und Lehre beschäftigt er sich mit Beratung, Systemischer Sozialer Arbeit, Professionalität und Professionalisierung, Täter*innenarbeit sowie Selbstsorge.

Entwicklungslinien des systemischen Ansatzes


Um das Wesen systemischer Beratung zu verstehen, ist es sinnvoll, zunächst das Gewordensein des systemischen Ansatzes als übergeordnetes Paradigma (das etwa auch systemische Therapie und systemische Soziale Arbeit beheimatet) nachzuzeichnen.

In seinen Entwicklungslinien ist der systemische Ansatz nicht als stringenter roter Faden rekonstruierbar, vielmehr kennzeichnet sich die systemische Geschichte über das Zusammentreffen sich gegenseitig befruchtender, aber auch voneinander abgrenzender Theorie- und Praxisansätze. Während sich wichtige Diskursspuren zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Ansätzen Sozialer Arbeit finden lassen, alsdann Einflüsse aus der Individualpsychologie sowie Familientherapie und nach dem Zweiten Weltkrieg aus therapeutischen Kontexten bzw. Tradierungen entstammende Modifikationen beobachtbar sind, charakterisiert sich der systemische Ansatz seit den 1960er-Jahren durch interdisziplinäre Wechselwirkungen, Impulsgebungen und Bündelungen von Beratung, Therapie, Sozialer Arbeit, Biologie, Physik und Soziologie. Lässt sich Systemik also als vielfältig und dynamisch in ihrem Gewordensein verstehen, sind dennoch markante Etappen, Ideen und Personen zu konstatieren, die im Folgenden – aus dem Interessensfokus systemischer Beratung heraus – vorgestellt werden.

2.1 Diskursspuren in die Soziale Arbeit. Oder: Die „Entdeckungen“ von Lebens-(welt)kontexten und des Sozialen Ortes


Leitidee I: Hilfeformate sind vielfältig und erlauben sich, mit Komm- und Gehstrukturen zu experimentieren. Das Individuum wird in Lebens(welt)kontexten betrachtet und sozialdiagnostisch zu verstehen versucht.

Im Unterschied etwa zur Psychoanalyse ist die Geburt der Familientherapie nicht auf eine zentrale Begründungsinstanz zurückzuführen, vielmehr entstand die Idee des Verlassens einzel- und gruppentherapeutischer Settings zugunsten des familialen Einbezugs unabhängig voneinander an mehreren Orten und innerhalb mehrerer Professionen. So reichen die Wurzeln der Familientherapie bis ins späte 19. Jahrhundert und zu ersten familienorientierten sozialarbeiterischen Ansätzen zurück (Simon in Kollar, 2023, S. 30)3. Bedeutsame theoretische und praktische Impulse für den systemischen Ansatz wurden von Jane Adams (1860–1935) (Idee der Gemeinwesenarbeit sowie Interdisziplinarität in der Einrichtung Hull House) und Alice Salomon (1872–1948) (Soziale Diagnose, Soziale Therapie und Ressourcenorientierung) gesetzt (Müller, 2013). Insbesondere bei Alice Salomon findet sich in den Überlegungen zur „Kunst zu helfen“ eine Verschränkung von Kontextfokussierung und Ressourcenorientierung, wie sie 1926 inSoziale Diagnose formuliert. Die Idee von Fürsorge zielt darauf ab, „dass man entweder einem Menschen hilft, sich in der gegebenen Umwelt einzuordnen, zu behaupten, zurecht zu finden – oder dass man seine Umwelt so umgestaltet, verändert, beeinflusst, dass er sich darin bewähren, seine Kräfte entfalten kann“ (Salomon, 1926, S. 59).

Tatsächlich wird der weiblichen Seite der Wurzeln systemischen Arbeitens, die sich sowohl in Europa als auch den USA in der Sozialarbeit und Wohlfahrtspflege zur Jahrhundertwende finden, in der geschichtlichen Betrachtung der Systemik