: Bärbel Bergmann-Matern
: Vom Flüchtlingskind zur Universitätsprofessorin Ausgewählte Erinnerungen
: Vindobona Verlag
: 9783903574236
: 1
: CHF 17.00
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: Erzählende Literatur
: German
: 306
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der Oktober 1962 markiert mit dem Beginn des Studiums der Psychologie an der TU Dresden eine große Veränderung im Leben der Autorin. Sie erlebt zum ersten Mal so etwas wie Zeitwohlstand und eine interessengerechte Lebensgestaltung. Die Studienzeit führt nicht nur in die akademische Welt ein, sondern sensibilisiert auch mit jährlichen Industriepraktika für die Hürden des Spagats zwischen Wissen und seiner Umsetzung. Ziel und Leitmotiv der Dresdner Arbeitsgruppe war es, neben der Entwicklung und theoretischen Fundierung der eigenen Disziplin eine gesundheits- und persönlichkeitsfördernde Arbeitsgestaltung in der Industrie zu etablieren. Die Biografie einer Frau wird beschrieben, die eine akademische Laufbahn einschlägt, die in unterschiedlichen politischen Systemen stattfindet.

Jugendzeit

Ab dem 1. September 1957 besuchte ich die Erweiterte Oberschule in Pritzwalk. Mit mir zusammen wechselten mehrere Schulkameraden aus Putlitz in die Kreisstadt, die etwa 8000 Einwohner zählte, aber äußerlich einer Prignitzer Ackerbürgerstadt glich.

Die Schule in Pritzwalk

Einst gehörte sie zur Hanse. Doch das war lange vorbei. Ein wenig Gewerbe hatte sich am Stadtrand angesiedelt und ein Zahnradwerk entwickelte sich bald zum größten Betrieb. Das Stadtzentrum hatte eine Einkaufsstraße mit mehreren Geschäften und einige befanden sich zusätzlich in einer Parallelstraße. Das Pritzwalker Schulgebäude war stattlich, aus roten Klinkern im neogotischen Stil zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbaut. Es befand sich am Stadtrand. Ein großer Schulhof wurde gegenüber dem Schulgebäude, das zu einer Hälfte Erweiterte Oberschule und zur anderen Hälfte normale Pritzwalker Schule war, durch eine ebenfalls aus roten Backsteinen bestehende Turnhalle begrenzt. Zur Erweiterten Oberschule gehörte ein Internat. In diesem wohnten die Schüler aus Dörfern, zu denen nur eine umständliche Verbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln bestand. Putlitzer Schüler waren Fahrschüler. Und so bin ich die ersten Tage früh kurz nach 6.00 Uhr die knapp drei Kilometer zum Bahnhof gelaufen, dann mit dem Zug nach Pritzwalk gefahren und war am Nachmittag kurz nach 15.00 Uhr wieder zu Haus. Unsere Mutter hat bald rasch und energisch interveniert, weil sie voraussah, dass ich am heimischen Wohnzimmertisch, um den sich noch vier jüngere Geschwister scharten, und wo es niemals Ruhe gab, kaum Gelegenheit zum ordentlichen Erledigen der Hausaufgaben finden würde. Ihr verdanke ich, dass ich etwa zwei Wochen nach dem Schulbeginn einen Platz im Pritzwalker Schülerheim bekam. Das Schülerheim war eine einfache Villa, einst als Wohnort für eine Familie gedacht, deren Keller zu Sanitärräumen, Küche und Speiseraum umgebaut war. Im Erdgeschoss waren die Jungen untergebracht, im Obergeschoss die Mädchen, insgesamt etwa 45 Schüler.

Außerdem wohnte die Heimleiterfamilie in dem Gebäude. Zum Grundstück gehörte ein Garten hinter dem Haus. In ihm war eine Tischtennisplatte aufgestellt, die im Sommer viel genutzt wurde, allerdings nicht von mir. Es war eng. Im ersten Jahr schlief ich in einem Raum mit vier Doppelstockbetten. Mehr als zusätzlich 8 Stühle hatten darin nicht Platz. In einer Diele, die sich an die hinaufführende Treppe anschloss, befanden sich mehrere schmale Spinde, für jede Schülerin einer. Aus heutiger Sicht herrschte ein strenges Regime. Es gab zwischen 14.00 und 15.00 Uhr Freizeit, in der man ohne vorherige Genehmigung in die Stadt gehen konnte, später bis 15.45 Uhr. Am Mittwoch konnte man, wenn man sich vorher die Erlaubnis einholte, zur 17-Uhr-Vorstellung ins Kino. Täglich wurde auf das Einhalten einer dreistündigen Arbeitszeit zum Erledigen von Hausaufgaben und zum Lernen geachtet. Für mich war das sehr angenehm. Ich habe es genossen, dass ich ungestört lernen konnte,