: Bettina Pohlmann
: Paula in Paris 1985 - Das Jahr, das alles veränderte
: Sixthkyu Verlag
: 9783039750085
: 1
: CHF 8.90
:
: Erzählende Literatur
: German
: 312
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die zerstreute Paula ist gerade zwanzig geworden, hat das Abi in einem spießigen Hamburger Vorort hinter sich gebracht und steht vor der ersten großen Veränderung ihres Lebens: ein Jahr Paris als Au-Pair! Das ist nicht nur die Chance, ihr angepasstes Vorstadtleben und ihren farblosen Freund Thomas hinter sich zu lassen, sondern ermöglicht auch den Aufschub der großen Fragen rund um die eigene Zukunft.

Die Idee genauso wie den Vornamen hat sie von ihrer Lieblingsoma, die schon 1912 für ein Jahr in der französischen Hauptstadt Arbeitskraft gegen Bildung tauschte. Die verstorbene Großmutter wird Paulas Begleitungim Geiste, ihr Wegweiser und Schutzengel. Mit wenig Gepäck und großer Aufregung steigt Paula am Gare du Nord aus dem Zug und taucht ein in ihr neues, fremdes Leben.

Doch Paris macht es Paula nicht leicht. Die Stadt schockiert sie mit ihren grauen, abweisenden Fassaden, den endlosen Métrogängen,dem tosenden Verkehr und den stets hastenden Menschen. Ihre Gastfamilie entpuppt sich als ausbeuterisch, die Differenzen sind vorprogrammiert. Das Alltagsfranzösisch hat so gar nichts gemein mit dem Schulfranzösisch, und die einzige Rettung ist der Sprachkurs, bei dem Paula ihre erste Freundschaft zur quirligen Kanadierin Moira schließt.

In der Métro lernt Paula zufällig den Studenten Vincent kennen, der ihr die schönsten Ecken der Stadt zeigt und ihr einen Einblick in die gesellschaftlichen Zusammenhänge Frankreichs gibt.



Bettina Pohlmann verbrachte selbst zwei Jahre in Paris, bevor es sie wieder in ihre Heimat Hamburg zog. Dort berichtete sie als Reporterin für den NDR2 von Sturmfluten, Sternenguckern, aus Stadien und moderierte eine morgendliche Nachrichtensendung. Nach dem Wechsel zum Fernsehen arbeitete sie als Inlandskorrespondentin beim ZDF - Landesstudio und beim NDR - Fernsehen. Seit einigen Jahren realisiert sie als Filmemacherin und Autorin Reportagen und Dokumentationen fürs öffentlich - rechtliche Fernsehen und gibt regelmäßig Kamishibai - Lesungen für Kinder. 2016 erschien ihr Buch »Frühstück mit Giraffen. 7 Reisetaschen, 5 Kontinente, 154 Tage - eine Familie reist um die Welt« (Blanvalet), in dem sie charmant und mit viel Humor von einem großen Abenteuer zu viert erzählt und spannende Einblicke in das etwas andere Familienleben »on tour« gibt. Bettina Pohlmann lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

K a p i t e l 1

Ich wollte weg. Weg von dem acht Quadratmeter großen Zimmer, weg von der kackbraunen Couch, dem Tennisclub, der Eisdiele, der Fußgängerzone. Das war zumindest eines der wenigen Dinge, von denen ich einen Plan hatte.

Ich hatteClose to me von The Cure auf volle Lautstärke gestellt – so viel, wie mein Plattenspieler mit den einfachen Lautsprechern hergab, ohne zu rauschen und versuchte, die Fotos und Briefe meiner Freunde, mein Tagebuch und den Fotoapparat in den Ecken des Koffers zu verstauen, als meine Mutter aus der Küche rief:

»Noch eine Stunde, dann müssen wir los! Guckst du noch mal auf die Packliste, ob du auch alles hast?«

Als wir kurz darauf Richtung Hamburger Innenstadt fuhren, sprachen wir nicht viel. Mir war es recht. So konnte ich meiner Heimat auf Wiedersehen sagen, einer Gegend, die ich außer für Urlaubsreisen nach Bayern nie verlassen hatte.

Es nieselte und ich konnte keinen Unterschied zwischen Himmel und Horizont ausmachen. Hamburg, die Perle des Nordens, wie unsere Lokalzeitung täglich hymnenartig schrieb, zeigte sich von ihrer hässlichsten Seite.

»Wenn du zurück bist, haben wir Sommer und du hast wieder Geburtstag«, sagte meine Mutter in die Stille hinein – eher zu sich selbst als zu mir.

Mir erschien der Hamburger Hauptbahnhof mit seinen vierzehn Gleisen wie der Weg in die große weite Welt. Obwohl er weder von der Vorder- noch von der Rückseite her einladend wirkte. Ich fand ihn hässlich, kein Bahnhof zum Verweilen, er war offenbar ausschließlich zum Ankommen und Abfahren gedacht.

Neben dem Eingang hockten Obdachlose zusammen mit ausgemergelten Junkies. Meine Mutter und ich hievten den Koffer aus dem Auto. Von meinem Vater hatte ich mich bereits zwei Tage zuvor verabschiedet, er war auf Geschäfts­reise.

Der Nachtzug nach Paris fuhr von Gleis 14 ab, dem letzten Gleis des Bahnhofs. Meine Mutter schien erleichtert: »Ach, guck mal. Du kannst schon einsteigen, dein Zug ist ja schon da!« Sie drückte mich an sich und strich mir flüchtig über die Wange: »Mach‘s gut, Paula!« Dann schickte sie noch einen strengen Blick hinterher. »Und sei bitte ordentlich.«

Ich nickte. Obwohl ich mir nicht sicher war, ob man zum neuen Menschen mutiert, sobald man einen neuen Raum betritt.

»Sei fleißig, hörst du – arbeite gut mit in der Sprachschule, aber vor allem bei deiner Gastfamilie!«

Da war er wieder, der Leitsatz aus unserem Hause: Geliebt wird, wer ordentlich ist und wer etwas leistet.

Wie auch immer ich die mir gestellten Aufgaben bewältigte – ich hatte mir zumindest vorgenommen, mich nicht zu blamieren. Davon, wie mein Arbeitsauftrag aussehen würde, hatte ich keinen blassen Schimmer, aber der Vorsatz, das Beste zu geben, war da.

Als ich meiner Mutter zuwinkte, während der Zug sich in Bewegung setzte, nickte sie kurz, ansonsten erkannte ich keine Gefühlsregung. Ich fragte mich, ob sie traurig war, ihre einzige Tochter ein Jahr lang nicht zu sehen, oder ob die Freude über die Annehmlichkeiten meines Fortgangs überwog: keine Songs von Supertramp in voller Lautstärke ertragen zu müssen oder Platten von The Cure, Madness und den Talking Heads, die ich mehrfach hintereinander abspielte, weil die Lieder mich in eine andere Welt trugen. Eine Welt, in der ich mir selbst nichts beweisen musste; nicht definieren, wer ich war oder sein wollte oder was ich mal werden wollte, und in der es keine unbequemen Fragen gab – warum ich bisher weder bei Anti-AKW-Demos in Brokdorf mitgelaufen war noch gegen die atomare Aufrüstung protestiert hatte. Die Musik versetzte mich in ein Vakuum, in dem ich mich geborgen fühlte.

In meinem Abteil mit sechs Schlafpritschen zum Ausklappen hatte mein Reisekoffer keinen Platz, er passte weder unter die Sitze – dafür war er zu dick – noch oben auf die Ablage – dafür war er zu schwer. Auch der Schlafplatz im Abteil war sportlich bemessen, denn die Liegen waren für Jockeys konzipiert. Ich stellte meinen Koffer also mitten auf dem Boden ab, kramte den Walkman aus der Reisetasche und drückte auf Play für die Kassette, die die letzten Tage und Wochen in Dauerschleife lief. Kate Bush sangRunning up that hill. Es erschien mir wie eine Ewi