1. KAPITEL
„Es gibt gute Ideen, und es gibt schlechte, mein Freund. Dass du deine Schwester herschicken willst, gehört zu den schlechten.“ Owen Michaels lehnte sich im Sessel zurück und legte die Füße mitsamt den Cowboystiefeln auf den Schreibtisch.
„Unsinn, Owen, es ist die beste Idee überhaupt“, widersprach die kultivierte Stimme am anderen Ende der Leitung.
Owen warf einen Blick aus dem Fenster auf die endlose Weite, die sich bis zum Horizont erstreckte. Diese Aussicht war für ihn etwas Wundervolles, aber die meisten Menschen waren anderer Meinung.
„Hast du zu viel Cognac getrunken, Andreus? Vielleicht warst du schon zu lange nicht mehr in Montana? Du scheinst vergessen zu haben, dass auf meiner Ranch hart gearbeitet wird, auch wenn ich ein reicher Mann bin. Außerdem liegt dieSecond Chance ziemlich einsam. Deine Schwester ist eine Prinzessin und andere Umstände gewohnt.“
Was noch eine Untertreibung ist, dachte er. Sie würde sich nach Kultur sehnen, nach Bällen und High-Society-Partys. Frauen konnte man nicht hierher verpflanzen. Seine Mutter und seine Exfrau waren lebende Beweise. Die eine war einfach verschwunden, und die andere hatte sich scheiden lassen, nachdem … Owen fluchte stumm und verdrängte die bedrückenden Gedanken. „Nein, mein Lieber, daraus wird nichts.“
„Hör mir doch erst einmal zu, Owen“, drängte sein ehemaliger Mitbewohner aus Collegetagen. „Und um deine Frage zu beantworten, es war mir niemals ernster, und nein, ich habe nicht einen einzigen Tropfen getrunken. Ich bin nur begeistert, weil ich endlich weiß, was ich mit Delfyne machen soll.“
Die Stimme klang so gequält, dass Owen die Stirn runzelte. „Wieso musst du denn überhaupt etwas mit ihr machen?“
Ein tiefer Seufzer drang aus dem Hörer. „Weil sie eine Prinzessin ist und bald heiraten wird. Sie hat darauf bestanden, einen Sommer lang ihre Freiheit genießen zu dürfen. Es ist ihr gutes Recht. Wir alle hatten diese Auszeit, bevor wir die Rolle übernommen haben, die uns vom Schicksal bestimmt ist.“
Owen sah hinaus auf den grandiosen Sonnenuntergang.
Die letzten Sonnenstrahlen tauchten die Landschaft in warmes rötliches Licht. Bald schon würde sich die abendliche Dunkelheit wie eine pechschwarze Decke übers Land legen, dicht und undurchdringlich, denn hier draußen gab es keine Straßenlaternen und im Umkreis von vielen Meilen keine Nachbarn. Und die Stille … es existierten sicher nur wenige Orte auf der Welt, an denen ein Mensch weiter vom Fürstenhof und höfischen Leben entfernt sein konnte. Owen war jedenfalls felsenfest davon überzeugt, dass Andreus’ Schwester sich ihre Auszeit anders vorstellte.
„Sie will ein paar Monate ungebunden sein, bevor sie heiratet, und eine Zeit lang ein anderes Leben führen? Wo ist das Problem? Schick sie in irgendein exotisches Urlaubsparadies, auf eine Kreuzfahrt oder nach New York.“
„Nein!“
Der Widerspruch klang heftig. Owen schwang seine Boots vom Schreibtisch, stand auf und schlenderte mit dem Telefon am Ohr zum Fenster. Er schaute in die zunehmende Dämmerung und zu den Wolken hinauf, die sich jetzt orange und purpurrot verfärbten.
„Warum nicht?“
Wieder seufzte Andreus. „Delfyne … ist …“
Ein ungutes Gefühl beschlich Owen. Er drehte dem Naturschauspiel den Rücken zu und konzentrierte sich auf das Gespräch. „Was ist mit Delfyne?“
Nur vage erinnerte er sich an sie. Vor sieben Jahren hatte er Andreus in Xenora besucht und dabei kurz dessen Schwester kennengelernt. Owen war zwanzig gewesen, sie ein siebzehnjähriger Teenager, mager und