: John Sweeney
: Der Fall Nawalny – Mord im Gulag Sein Leben, seine Ermordung – Was wirklich geschah
: Heyne Verlag
: 9783641328382
: 1
: CHF 13.50
:
: Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
: German
: 352
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Sein Name war für den russischen Präsidenten tabu, bis Putin sich des verhassten Kontrahenten zuletzt doch entledigte: Alexej Nawalny, Putins gefährlichster Gegner. John Sweeney, der seit Jahrzehnten als Investigativjournalist zu den Abgründen der russischen Politik recherchiert und berichtet, kannte Nawalny persönlich. Nun liefert er eine packende Biografie über den Oppositionsführer und Hoffnungsträger, seine Stärken und Schwächen, die Attacken, denen er ausgesetzt war – und offenbart die Ziele und Strategien von Nawalnys mächtigen Gegnern. Temporeich, spannend und hochinformativ beleuchtet Sweeney die Geschichten hinter den Schlagzeilen und kommt zu einem klaren Schluss: Wenn Putin Einhalt geboten werden soll, muss der Westen ihm mit aller Entschiedenheit entgegentreten.

John Sweeney, Jahrgang 1958, arbeitete als Reporter für die BBC und ist ein vielfach ausgezeichneter Journalist mit internationalem Profil, der seit Kriegsbeginn aus Kiew berichtet. Seit fast 30 Jahren verfolgt er als investigativer Journalist hartnäckig die Geschäfte und Verbrechen der Mächtigen Russlands, allen voran Wladimir Putins.

Kapitel eins


Der Junge aus Tschernobyl

Kein Alarm, keine Zeitungsmeldung, nichts im Fernsehen: nur der Befehl, auf die Felder zu gehen und Kartoffeln zu pflanzen, um später im Jahr die Ernte zu sichern. Und das war seltsam, denn Salissja, das Heimatdorf von Nawalnys Großmutter väterlicherseits, lag weniger als 30 Kilometer vom Zentrum des größten Atomunfalls der Welt entfernt. Nawalnys Mutter war Russin, doch sein Vater war im Schatten der rot-weißen Kamine des Atomkraftwerks Tschernobyl in der sowjetischen Ukraine aufgewachsen, und Nawalny verbrachte dort die ersten neun Sommer seiner Kindheit. Wladimir Putin bezeichnete das Ende der Sowjetunion einmal als »die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts«. Nawalny wusste schon im Alter von zehn Jahren, dass Putin und alle, die dachten wie er, Idioten sein mussten.

Was im April 1986 als Sicherheitstest im Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl geplant war, war ein übler Scherz. DerRBMK-Reaktor war die sowjetische Antwort auf die hohen Ölpreise. Doch er hatte eine Reihe schrecklicher Konstruktionsfehler. Er konnte seinen Operatoren nicht mitteilen, was in seinem Inneren wirklich geschah. Die Mitarbeiter konnten an einem Ventil drehen, indem sie ein steuerradgroßes Rad bewegten, wussten aber nicht, ob sie die Situation damit entschärften oder gefährlicher machten. Und der von den Konstrukteuren entwickelte Sicherheitstest konnte eine Kettenreaktion einleiten, die den Atomreaktor zum Kochen brachte.

Genau das war 1975, elf Jahre zuvor, im sowjetischen Leningrad – heute St. Petersburg – passiert, als Putin in seiner Heimatstadt seine Karriere beimKGB begann. Aufgrund der sowjetischen Geheimhaltungspolitik wurde das riesige Strahlungsleck vertuscht. Die betroffene Bevölkerung wurde nicht über die Gefahr informiert. In den Medien wurde über den Unfall nicht berichtet. Das Ministerium für mittleren Maschinenbau machte Baumängel, nicht die desaströse Konstruktion für den Unfall verantwortlich. Die Kommission, die den Vorfall untersuchte, sprach mehrere Empfehlungen aus. Keine wurde umgesetzt. Niemand beschwerte sich, weil niemand davon wusste. Willkommen in der Sowjetunion.

Als die Reaktortechniker in Tschernobyl im April 1986 denAZ-5-Knopf betätigten, um die Regelstäbe in den Reaktor einzufahren, dachten sie, sie würden den Test stoppen. In Wirklichkeit setzten sie eine Kettenreaktion in Gang, die den Kernreaktor in die Luft jagte, das Betondach zerstörte und den Kern freilegte. Es wurde tonnenweise entsetzlich verstrahltes Grafit herausgeschleudert. Die Menschen in der angrenzenden Stadt Prypjat sahen eine außergewöhnlich schöne dunkelblaue Lichtfontäne aus dem geborstenen Kernkraftwerk aufsteigen, dann ein orangefarbenes Leuchten, ohne zu ahnen, dass diese ionisierende Strahlung und das massive Kernleck in den darauffolgenden Jahren zu ungefähr 9000 Krebstoten in der Ukraine, in Weißrussland und Russland führen würden.

Jahre später kehrte Nawalny an einem der wenigen Tage, an denen die Behörden es gestatteten, in die leeren Straßen Salissjas in der Sperrzone von Tsch