Kapitel 1
Müde blickte Nelly auf das leere Gepäckband. Die trockene Luft in der Ankunftshalle brannte ihr in den Augen. Schon seit fünf Minuten spuckte die Klappe, vor der sie und Benjamin sich postiert hatten, keine neuen Gepäckstücke mehr aus, und nun kam das Band mit einem lauten Quietschen zum Stehen. Resigniert seufzte sie und ließ den Kopf in den Nacken fallen. Natürlich musste es ausgerechnet das Gepäckstück ihres Sohnes sein, das irgendwo verloren gegangen war. Als ob Benjamins schlechte Laune seit ihrem Aufbruch nicht schon genügend Futter bekommen hätte. Obwohl sich Nelly am liebsten auf den Boden gelegt und gestreikt hätte, setzte sie eine fröhliche Miene auf und wandte sich an den fast eineinhalb Köpfe größeren Teenager.
»Komm, wir gehen mal nachfragen. Die finden deinen Koffer sicher im Nu wieder, wirst schon sehen. Und in der Zwischenzeit suchen wir uns etwas zu essen, bevor wir uns in die U-Bahn drücken.«
Nelly gab ihr Bestes, aufmunternd zu klingen, doch der Blick ihres siebzehnjährigen Ziehsohnes blieb unverändert eisig. Er gab lediglich ein tiefes Brummen von sich.
Schweigend schleiften sie den verbliebenen Koffer hinter sich her und trotteten zum Infoschalter der Airline, die sie von New York nach München gebracht hatte. Weil Benjamin es vorzog, auf sein Handy zu starren und so zu tun, als würde er kein Wort Deutsch verstehen, nannte Nelly dem älteren Herrn am Infoschalter die Details zum fehlenden Gepäck. Der begegnete ihr mit einem freundlichen Lächeln, das sie dringend gebrauchen konnte, und begann mit überraschend flinken Fingern Dinge in seinen Computer zu tippen. Benjamins Koffer konnte er jedoch auch nach diversen Telefonaten nicht ausfindig machen. Immerhin versicherte er jedoch glaubwürdig, ihn so schnell wie möglich an die hinterlassene Adresse zu schicken. Gut, dass Benjamins Asthma-Medikamente in Nellys Koffer und das Notfallspray in seinem Handgepäck waren. Eine Zahnbürste und das übrige Nötige, was er bis zum Wiederauftauchen des Koffers brauchte, konnten sie gleich hier am Flughafen in einem der Shops besorgen.
Frustriert zog Nelly ihr Handy heraus, um nachzusehen, mit welcher U-Bahn sie zum Kapuzinerviertel fahren konnten. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, in New York alles stehen und liegen zu lassen und nach München zu fliegen? Noch vor einer Woche, als sie mit ihrer früheren Mitbewohnerin Canan telefoniert h