Kapitel 1
Vanelle stolperte zurück. Rivay sah aus, als wolle er sie angreifen: die Augen so weit aufgerissen, dass es ihr Angst einjagte, die Zähne gebleckt, die Brauen herabgesenkt. Sie wusste, dass man ihnen nur das Nötigste an Wasser und Nahrung zugestand, damit die Piraten geradeso am Leben blieben – allem voran dem Kapitän, den man auf grausame Weise vom Rest der Mannschaft isolierte.
Es hatte Vanelle viel Überwindung und enormen Mut gekostet, in das Gefängnis im Rumpf hinabzusteigen. Sie hatte zwar keinen Schlüssel bei sich, dafür jedoch ein dünnes, langes Metallteil, mit dem sie hoffte, die Schlösser öffnen zu können. Aber so weit kam es nicht. Schon von der Sekunde an, in der sie das Unterdeck betreten hatte, begegnete man ihr mit offenkundiger Feindseligkeit. All das Vertrauen, die Freundschaften, der Zusammenhalt – zerbrochen wie eine morsche Schiffsplanke. Vor allem Lineth schmetterte ihr in ihrem erbärmlichen Zustand extreme Beleidigungen entgegen, während Kania einfach nur leise schluchzte. Raina biss die Zähne aufeinander, ein tiefes Knurren entkam ihrer Kehle, denn nur die Ketten hielten die große Piratin davon ab, auf Vanelle loszugehen. Thoma wirkte erschöpft, ebenso wie Kolaris, der kraftlos in den Fesseln hing. Enril mied ihren Blick. Allein Aelin betrachtete sie nicht mit unverhohlener Abneigung, vergleichbar mit Elan, der sogar versuchte, mit Vanelle zu sprechen. Die anderen übertönten ihn. Und Rivay? Ihr Kapitän, der so geschunden wirkte wie nie, dem das schwarze Haar unordentlich an der Stirn klebte, die Augenringe so dunkel, dass es ihr die Eingeweide zusammenschnürte – er hasste sie inbrünstig. Der Stoß gegen ihre Brust schmerzte, jedoch nicht so sehr wie ihr nun erneut berstendes Herz. Gebrochen kam Vanelle auf die Beine. Sie konnte hier nichts tun. Niemand schenkte ihr Gehör, schon gar nicht er. Deshalb suchte sie ihr Heil in der Flucht.
Gejagt von den Verwünschungen der Piraten, kehrte sie auf Deck zurück. Innerlich in Aufruhr kam sie zum Stehen, die Hand auf das raue Holz der Reling gepresst. Das fremde Schiff gab ihr keinen Halt, längst nicht so, wie es dieOasis getan hätte. Sie vermisste den stolzen Kahn, den sie in Arowana verloren hatten. Und jetzt? Man hielt Kurs Richtung Oceanshare, ein Gedanke, der Vanelle Übelkeit bereitete. Man beobachtete sie, tagein, tagaus. Insbesondere Spinell ließ sie nie aus den Augen. Er, ihr Bruder, glaubte doch tatsächlich, man habe sie gegen ihren Willen festgehalten und zu einem Leben als Piratin gezwungen. Bisher hatte sie ihm nicht widersprochen. Sie konnte, durfte nicht zugeben, dass sie längst nicht mehr zu den Piratenjägern gehörte, immerhin galt ihre Loyalität lange schon nur noch ihnen: der Alverre-Piratenbande. Rivay war ihr Kapitän und würde es auch weiter sein, unwichtig wie sehr er sie gerade verabscheute.
»Schwesterchen?«
Die tiefe, ihr fremd erscheinende Stimme ließ Vanelle zusammenzucken. Er kam von oberhalb des Achterdecks auf sie zu und strich sich mit einer beiläufigen Geste das kurze, kastanienfarbene Haar aus dem Gesicht. Schon damals, am Tag ihres Sprungs auf das Schiff der Piraten, hatte er Vanelle überragt. Diesen Vorsprung hatte er zwischenzeitlich ausgebaut. Fast 18 Monate war sie mit der Alverre-Bande übers Meer gesegelt – diese Zeitspanne hatte offensichtlich gereicht, um aus dem einstigen Jugendlichen einen Mann zu machen. Sie erkannte ihn kaum wieder, ihren kleinen Bruder, nun 16, beinahe 17 Jahre alt. »Alles in