2. KAPITEL
BIANCA
Mit jedem Schritt in Richtung des kleinen Büros verschlimmerte sich meine innere Unruhe. Dabei wusste ich nicht einmal warum, denn die Beerdigung war mit Abstand das Schmerzhafteste gewesen, was ich bisher hatte erleben müssen. Zumindest hatte ich das bis zu diesem Moment geglaubt.
Aber dieser Augenblick reihte sich in eine lange Kette von düsteren Erinnerungen, die mir verdeutlichten, dass mein Vater gestorben war. Dass das alles kein schrecklicher Albtraum war, aus dem ich verzweifelt versuchte, zu erwachen.
Das Büro des Anwalts lag in einem noblen Stadtteil von Mainz, ich hatte eine dreiviertel Stunde mit der Straßenbahn dorthin fahren müssen. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln brauchte man eine halbe Ewigkeit, aber ein Taxi war finanziell nicht drin. Jetzt wäre es mir lieber gewesen, die Fahrt hätte nie geendet.
Nie zuvor war ich bei einer Testamentsverkündung, aber es schien mir richtig, mich ebenso anzuziehen wie bei der Beerdigung selbst. Um genau zu sein, trug ich ein knielanges schwarzes Kleid, dessen lange Ärmel mich in einem klimatisierten Zimmer nicht frieren ließen. In solchen Büroräumen musste man damit rechnen, dass sie im Hochsommer viel zu kalt waren.
Ich nahm meinen verbliebenen Mut zusammen, klopfte an die hölzerne Tür und wartete darauf, hineingelassen zu werden. In Gedanken begann ich die verstrichenen Sekunden zu zählen, bis Schritte durch die Tür zu hören waren.
Ein Mann öffnete sie, der ebenso wie ich in Schwarz gekleidet war. Seine breiten Schultern verdeckten den Blick auf alles, was hinter ihm lag. Er trug einen maßgeschneiderten Anzug und hatte seine längeren Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Interessiert betrachtete er mich aus seinen verschiedenfarbigen Iriden.
Verwunderung verdrängt meine Nervosität, da ich mir Herrn Svenson nach unserem Telefonat als einen Mann Mitte fünfzig vorgestellt hatte. Dieser Fremde schien nicht älter zu sein als ich selbst. Offenbar sollte man das Lebensalter eines anderen Menschen niemals anhand der Telefonstimme schätzen.
Ich streckte ihm zaghaft die Hand entgegen. „Ich bin Bianca Wolff.“ Meine Stimme klang fest, obwohl die Beine sich wie Pudding anfühlten. Hoffentlich hielten sie angesichts dieser mentalen Zerreißprobe stand.
Für einen Augenblick schien ihn diese Geste zu verwundern, aber schließlich ergriff er meine Hand. Seine Finger fühlten sich rau an, als wären ihnen handwerkliche Tätigkeiten vertraut. Noch ein Punkt, der mich an dem Gesamtbild verwunderte. Mein Verstand war zu sehr an das Klischee eines Anwalts gewöhnt, dem dieser Mann offenkundig widersprach.
„Freut mich, Frau Wolff, ich bin Jasper Kent.“
Erschrocken entzog ich ihm meine