: Edie Calie
: Lorettas letzter Trip
: Ulrike Helmer Verlag
: 9783897419063
: 1
: CHF 17.10
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 284
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Caro lebt in einer glücklichen Beziehung, tritt demnächst eine Beförderung an und praktiziert Yoga. In diese Idylle platzt der Tod ihrer Ehefrau, von der ihr Freund nichts weiß und Caro nichts mehr wissen will. Ohnehin existiert die Ehe zwischen Caro und Loretta Love nur auf dem Papier und die gemeinsame Band »The Heebie-Jeebies« hat Caro längst verlassen. Als dann ein Brief mit Lorettas letztem Willen auftaucht, beginnt ein aberwitziger Trip, der von Wien über das ehemalige Bambi Kino in Hamburg auf ein Kreuzfahrtschiff mit Beatles-Coverband bis nach London führt - und Caro findet sich plötzlich mitten in ihrem alten Rockstar-Leben wieder ... »Lorettas letzter Trip« ist ein Roadtrip auf den Spuren der Beatles mit temporeichem, frischem Erzählstil und einer Prise österreichischem Humor.

EDIE CALIE, 1987 geboren, wuchs in Norddeutschland und Österreich auf. Sie studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Wien, sowie Digitale Kunst an der Universität für Angewandte Kunst Wien. Seit 2006 lebt sie in ihrer Wahlheimat Wien, arbeitet als Videokünstlerin und Freie Autorin. Bisher unter anderem für zeit.de, Kurier online, VICE Alps, VIRTUE Austria und LAUFSPORT Marathon. Ihr Debütroman »3 a.m.« (Edition Roter Drache, 2013) wurde für den SERAPH Literaturpreis (»Bestes Debu?t«) nominiert. 2022 erschien ihr Roman »Erzähl es den Bäumen« im Milena Verlag. In ihrer Freizeit testet Calie leidenschaftlich gerne (vegane) Schokolade.

 

2

Die Interior Designerin hatte die Deckenlampen des Großraumbüros so konzipiert, dass sie den Sonnenverlauf nachahmten und den Raum der Tageszeit entsprechend belichteten. Nach zwei Wochen hatte die Personalchefin die Einstellungen dauerhaft auf Mittagssonne ändern lassen, um die Arbeitsmoral bis zum Abend aufrechtzuerhalten.

Von ihrem hart erkämpften Fensterplatz sah Caro auf die vorbeifließende Donau hinunter. Theoretisch, denn praktisch schaute sie auf die zwei großen Monitore, die ihr gesamtes Sichtfeld ausfüllten. Auf ihren Noise-Cancelling-Kopfhörern rieselte ihre Lieblings-Deep-Focus-Playlist, die ihr half, sich auf das Konzept zu fokussieren. Zwei Punkte fehlten, darunter ein wesentlicher. Ihr blieben sechs Tage, das Konzept so zu überarbeiten, dass der Kunde die Ideen für seine eigenen hielt und es endlich absegnete. Bisher hatte er immer etwas auszusetzen gehabt. Für die Umsetzung wäre anschließend ein anderer Kollege zuständig. Ab dem 1. Juni würde sie als neue Teamleiterin nur noch die wichtigsten Kunden persönlich betreuen und ansonsten enger mit der Geschäftsführung zusammenarbeiten. Sechs Tage. Die Uhrzeiger liefen ihr davon. Die einzige Möglichkeit, sie einzuholen, bestand darin, ein paar Vierzehn-Stunden-Arbeitstage einzuschieben und das Wochenende im Homeoffice durchzuarbeiten. Die Deadline nächste Woche Mittwoch würde sie auf jeden Fall einhalten! Dann ging es ab in die Berge. Gedanklich sah sie sich in ihren neuen Leggings auf einem Meditationskissen in einem gleißend hellen Raum sitzen.Devi Prayer von Ananda und Craig würde leise im Hintergrund laufen und wohltuender Ylang-Ylang-Duft die Energie im Raum reinigen.

Stopp!

Sie unterbrach ihre Tagträume. Bevor sie sich denen hingeben konnte, musste sie das Konzept fertigstellen. Sie las die zuletzt geschriebenen Sätze. Ihre Finger flogen über die Tastatur.

Telefonklingeln riss sie aus ihrem Workflow. Die Durchwahlnummer des Empfangs leuchtete auf der Anzeige des Festnetz­telefons auf. Sie zog ihre Kopfhörer von den Ohren und hob ab.

»Ja?«

»Frau Wimmer, eine Frau Moser möchte Sie sprechen.«

»Kenne ich nicht.«

Am anderen Ende entstand ein unverständliches Gemurmel. Caro trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte.

»Anna Moser«, tönte es durch den Hörer. »Sie sagt, es sei dringend.«

»Nein!«, rutschte es Caro heraus. »Ich meine, es ist grad ungünstig, ich hab gleich ein wichtiges Meeting. Nehmen Sie eine Nachricht entgegen, ich melde mich bei ihr.« Beim »Danke« legte sie auf.

Wenige Sekunden später läutete das Telefon erneut. Caro fluchte. Wozu gab es einen Empfang, wenn die Mitarbeitenden dort unfähig waren, jemanden abzuwimmeln? »Ja!«, meldete sie sich.

»Entschuldigen Sie die erneute Störung. Es wäre besser, wenn Sie runterkommen.« Der Kollege senkte seine Stimme. »Die Frau weint und sagt, dass jemand gestorben ist. Ihre Ehefrau?«

Mist. »Ich komme! Einen Moment.«

Sie knallte den Hörer auf, speicherte das Dokument,