Kapitel 1
Unterschätz mich, das wird lustig
Renée
Im Ölgeschäft, im Automobilsektor und im Bett gab es genau zwei Arten von Männern: diejenigen, die einer Frau die Zügel überließen, und diejenigen, die einer Frau Zügel anlegten.
Das schwitzende Exemplar, das gerade vor mir saß, gehörte zu letzterer Gruppe. Aber nicht, weil er ein Übermaß von Testosteron und Dominanz auslebte, sondern weil er eine Heidenangst hatte – vor Frauen im Allgemeinen und vor mir im Speziellen. Denn ich war diejenige, die auf dem Stuhl saß, den er haben wollte.
Die Wahrheit war, dass ich genauso viel Angst vor ihm hatte wie er vor mir. Ich hoffte inständig, dass es mir nicht anzusehen war. Wie sagte mein Vater stets? Im Zweifel half nur der Frontalangriff nach vorn.
Mit einem Lächeln, das dem chromglänzenden Briefbeschwerer auf meinem Tisch Konkurrenz machen konnte, legte ich die Füße hoch und kreuzte die Knöchel auf der polierten Oberfläche. Ich sah seinen Adamsapfel hüpfen, als sein Blick der Bewegung zu meinen Füßen folgte. Vielleicht, weil meine Beine unter dem Bleistiftrock nackt waren. Vielleicht auch, weil die Absätze meiner High Heels lang genug waren, um ihn damit zu ermorden.
Denn was beide Gruppen von Männern nicht wussten: In Wahrheit waren es immer die Frauen, die die Zügel in der Hand hielten.
»Nur, damit ich das richtig verstehe, Mr Barlow …«
»Nennen Sie mich Kent«, korrigierte er mit Gönnermiene.
Ich lächelte unverbindlich. »Mr Barlow«, machte ich meine –seine – Position klar. »Wie viel Prozent Produktionskosten glauben Sie einsparen zu können, wenn Sie die Fertigung nach China verlegen?«
»Siebzehn.« Er baute sich merklich auf.
»Siebzehn«, wiederholte ich und hoffte, dass meine Stimme so gelassen klang wie beabsichtigt. Ich hasste diese Art von Verhandlungsgesprächen. Als Frau ging man immer mit einem Nachteil hinein und kam selten mit einem Vorteil heraus. »Lassen Sie mich sehen, dafür würden Sie rund ein Viertel der amerikanischen Mitarbeiter entlassen und den Staat Pennsylvania um knapp dreihunderttausend Dollar Einkommenssteuer pro Jahr bringen. Ganz zu schweigen davon, dass Sie US-amerikanische Maschinenparks in China aufbauen und hoffen, dass dort nicht binnen zwei Jahren eine baugleiche Konkurrenzfabrik aus dem Boden sprießt und Ihr schöner neuer Chefposten bei RD Motorparts der Firmeninsolvenz zum Opfer fällt.«
Der Mann blinzelte. Ich wusste nicht, ob er noch die Einkommenssteuer nachrechnete oder ihm im Wirtschaftsstudium vor lauter Effizienzsteigerung durch Produktion in Niedriglohnländern schlicht nicht erklärt worden war, welche Risiken das barg. Im technologisierten Europa gab es ganze Branchen, die jegliche asiatische Beteiligung kategorisch ausschlossen. Aber was wusste ich schon. Ich war schließlich nur eine Frau.
Mit einem Blick auf die Wanduhr über der Tür nahm ich die Füße vom Tisch und stand auf. »Vielen Dank für das Bewerbungsgespräch, Mr Barlow. Mein Assistent wird sich bei Ihnen melden, aber ich will ehrlich sein: Ich bezweifle, dass mein Vater Ihnen die Firma überlassen wird, die er selbst gegründet und über zwei Jahrzehnte hinweg im Schweiße seines Angesichts aufgebaut hat.«
Zugegeben, diese Formulierung war ein wenig pathetisch, denn der Erfolg von RD Motorparts hatte weniger mit dem unermüdlichen Arbeitswillen oder unternehmerischen Geschick meines Vaters zu tun, sondern mehr mit seinem Namen: Bernhard »Ricky« Duvrai war eine der größten NASCAR-Racing-Legenden, seit sich der unangefochtene Champion Richard Petty 1992 zur Ruhe gesetzt hatte.
Anders als Petty hatte die Firma meines Vaters jedoch seine persönlichen Rennerfolge nicht weiterführen können. Alle von uns gesponserten Teams belegten bestenfalls die Top Zwanzig.
Mein Blick kehrte von den vielen Trophäen und Fotografien in der Glasvitrine zurück zu dem CEO-Bewerber, der jetzt lautstark seinen Stuhl zurückschob – so plötzlich, dass mein Herz vor Schreck ei