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September, 1944
Noch vor einiger Zeit hätte Klara gesagt: »Wir leben auf einer unberührten Insel.« Mit Insel war das ländliche Frauenbildungsheim gemeint, das eingebettet in ein idyllisches Tal des bewaldeten Löhberges am Rand des Städtchens Sandersleben lag. Hier bewohnte sie mit ihren vier kleinen Kindern das ehemalige Hausmeisterhäuschen, das sie vor fünf Jahren als Leiterin der Lehranstalt mit ihrem Mann Gustav bezogen hatte. Nur einen Steinwurf entfernt stand das große Hauptgebäude, in dem die Lehrerinnen, Erzieherinnen, die Schülerinnen und die Kurkinder untergebracht waren, die aus allen Teilen des Großdeutschen Reichs ihren Weg zu ihnen nach Anhalt suchten. Aus dem Rheinland, aus Ostpreußen, aus Schleswig-Holstein und sogar aus Österreich kamen sie, um hier für eine gewisse Zeit Heimat zu finden. Unerlässlich war allerdings, dass alle, die hier lebten, nachweislich arischer Abstammung waren. Ein schmaler Schotterpfad führte aus dem Ort zu ihnen herauf. Für die hohen Herren aus dem Staatsministerium in Dessau gab es natürlich auch eine gepflasterte Straße. In regelmäßigen Abständen ließen sie sich von ihren Chauffeuren in ihren großen schwarzen Limousinen herauffahren, um zu überprüfen, ob diese Bildungsanstalt auch anständig nach den nationalsozialistischen Prinzipien geführt wurde. Doch alle, die hier oben zu Hause waren, nahmen die steile Abkürzung durch den Wald hinunter ins Städtchen.
Klara stand ein Stück von ihrem Wohnhaus entfernt auf der Wiese neben dem Wasserbecken, in dem in den Sommermonaten eine Fontäne plätscherte und wo die Schülerinnen vom Tanzlehrer Walter Borschel im Volkstanz unterrichtet worden waren, bis er in den Krieg ziehen musste und bald darauf in Stalingrad gefallen war. Klara atmete tief ein. Sie alle hatten den feinsinnigen Walter Borschel in seinem knappen schwarzen Bolerojäckchen und seinen schwarzen Anzughosen gemocht; es waren immer besonders losgelöste Stunden gewesen, wenn er mit den Mädchen unter den Kirschbäumen die Schrittfolgen geübt hatte.
Der September neigte sich dem Ende zu und das Laub der Bäume färbte sich langsam gelblich. Die Sonne schickte ihre letzten warmen Sommerstrahlen zu Klara und ihren Kindern hinunter, die im Schutzgraben, der sich seit Kurzem wie eine klaffende Wunde durch den weitläufigen Garten zog, Fangen spielten. Klara sah vom Rand aus zu ihnen hinab. Es machte den Kleinen Spaß, da unten herumzulaufen und sich zu jagen. Der Graben war schmal und die Wände waren hoch; und ihr glucksendes Lachen schallte bis zu ihr herauf. Sie sah die rote Mütze von Hilli, die Georg-Friedrich immer dicht auf den Fersen war. Ihr Ältester war nun schon fünf Jahre alt. Inge wackelte tapfer hinterher, mit ihren knapp zwei Jahren war sie noch lange nicht so schnell wie ihre großen Geschwister. Aber sie war wild entschlossen mitzuspielen. Sie stolperte, fiel auf alle viere, rappelte sich wieder auf und wackelte weiter. Was für ein kleines, unverwüstliches Persönchen.
»Hab dich!«, rief Hilli triumphierend und klammerte sich an Georg-Friedrichs Arm. »Hab dich!«
Klara lächelte. Georg-Friedrich hatte sich wieder einmal erbarmt und von seiner vierjährigen Schwester fangen lassen. Es war gut, dass die Kinder sich hatten. Geschwister waren wichtig. Sie hielten einen ein Leben lang in der Welt. Klaras Blick glitt über die zu Wällen aufgeworfene Erde, die von jungen Rekruten beim Grabenbau hinaufbefördert worden war. Weiter über die Rasenfläche und die Kirschbäume hinweg, hinüber zum zweigeschossigen Hauptgebäude des Frauenbildungsheimes. Quer dazu lag das niedrige Schulgebäude aus Fachwerk, in dem sich die Werkräume und eine Lehrküche befanden. Versteckt dahinter gab es noch einen Viehstall mit zwei Kühen und einem Schwein. Hühner gackerten und im großen Gemüsegarten wiegten sich die hochstehenden violetten Kohlrabiblätter. Auf der Säuglingsstation lernten die Schülerinnen alles über Säuglingspflege. Das Jugendamt brachte ihnen kränkelnde und unterernährte Kinder jeden Alters, die von den Schülerinnen und Kinderschwestern gepäppelt wurden