Bitte, bitte, lieber Gott, lass meinen Bruder wieder gesund werden! Er hat noch so viele Pläne für seine Zukunft, aber jetzt liegt er im Krankenhaus und kämpft um sein Leben. Seine Ärztin weiß nicht mehr weiter. Ich habe es in ihrem Gesicht gesehen. Sein Leben hängt am seidenen Faden. Was soll nur werden, wenn er es nicht schafft?
Elena Brandner faltete ihre Hände und flehte den Himmel an, den wichtigsten Menschen in ihrem Leben zu retten. Ihre Eltern hatte sie schon vor sechs Jahren hergeben müssen. Ein Autounfall hatte ihre Familie jäh auseinandergerissen. Seitdem gab es nur noch Erik und sie. Ihr großer Bruder hatte sich um sie gekümmert und ihr beigestanden. Immer. Wenn sie ihn verlor, stand sie ganz allein auf der Welt.
Elena öffnete die Augen und schaute zu dem Kreuz auf dem Altar der Dorfkirche hinauf. Sie sandte ein heißes Gebet zum Himmel und blieb noch eine Weile in der Kirchenbank, bis ihr die Beine einschliefen und die kühle Luft sie frösteln ließ. Draußen schien warm die Sonne, hier im Inneren der Kirche war es jedoch kühl und roch nach Staub und Kerzenwachs. Niemand außer ihr hielt sich hier auf.
Ein Strauß Sommerblumen schmückte den Altar. Doch er konnte den Kummer nicht aus dem Herzen der Dreiundzwanzigjährigen vertreiben. Ihr Bruder war schwer verletzt, und nur ein Wunder schien ihn noch retten zu können.
Das Unglück war an einem sonnigen Sommertag unerwartet über sie hereingebrochen wie eine Lawine. Sie wusste noch nicht genau, wie es hatte geschehen können, aber sie war fest entschlossen, es herauszufinden. Aus diesem Grund verließ sie nun die Kirche und trat hinaus in den warmen Sonnenschein.
Nachdenklich schaute sie sich um. Nur knapp zweihundert Meter entfernt glitzerte das Wasser des Walchensees in der Nachmittagssonne. Die Silhouetten der Voralpen zeichneten sich in der Ferne ab. Insekten summten, und Schmetterlinge tanzten in der milden Luft. Es war ein herrlicher Sommertag. Nichts deutete auf eine Gefahr hin, die irgendwo im Verborgenen lauerte. Doch Elena ahnte, dass der Unfall ihres Bruders kein Zufall gewesen war.
Eine Bäuerin kam die Dorfstraße herunter. Heu klebte an ihren Gummistiefeln, und sie hatte sich ein Kopftuch umgebunden. Sie musterte Elena abweisend.
»Du bist die Schwester von diesem Schmierfinken, nicht wahr?«
»Ich&n