Einleitung
Die Glawnoje raswedywatelnoje uprawlenije (GRU), auf Deutsch Hauptverwaltung für Aufklärung – also der russische Militärgeheimdienst –, ist der wohl geheimste Nachrichtendienst Russlands. Die Behörde, die sich im Selbstverständnis einer über 200-jährigen Tradition sieht, kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Erste institutionelle Vorläufer des bis 1917 auch als Raswedka bezeichneten militärischen Geheimdienstes bildeten sich 1810 unter Kriegsminister Michael Barclay de Tolly heraus, dem späteren Bezwinger Napoleons, als dort die sogenannte Expedition für geheime Angelegenheiten eingerichtet wurde. Gleichzeitig begannen an den diplomatischen Vertretungen Russlands Militärattachés – damals noch als Militäragenten bezeichnet – mit der strategischen Auslandsaufklärung. 1812 entstand dann aus der Expedition für geheime Angelegenheiten die für den militärischen Nachrichtendienst zuständige Sonderkanzlei beim Kriegsministerium. Das neu geschaffene Amt verfügte mit vier Beamten nur über einen ausgesprochen kleinen Mitarbeiterstab, um geheime Aufgaben zu lösen. Die Beschaffung von nachrichtendienstlichem Material fiel deshalb im Wesentlichen den Militäragenten zu, die damals in Spanien, Frankreich, Österreich, Preußen, Bayern und Sachsen operierten. Mit der Bildung des Sonderbüros beim Kriegsministerium stand dem russischen Militär erstmals eine Organisation zur Verfügung, die systematisch den Nachrichtendienst gegen ausländische Streitkräfte betrieb. Deshalb gilt das Jahr 1812 bis heute als die Geburtsstunde des russischen Militärgeheimdienstes.1
Entstehung und Entwicklung bis zum Ende des Zarenreiches
Nach dem Ende der Napoleonischen Kriege löste Zar Aleksandr I. die Sonderkanzlei allerdings wieder auf, ihre Aufgaben übernahm ab 1815 die 1. Abteilung des russischen Generalstabes. Die Funktion der Militäragenten wurde abgeschafft. 1836 erfolgte eine Reorganisation des Kriegsministeriums, dort kam es zur Einrichtung eines Generalstabsdepartements, das aus drei Abteilungen bestand, von denen die zweite (militärwissenschaftliche) Abteilung nun nachrichtendienstliche Aufgaben erfüllen sollte. Ein Vorhaben, das jedoch nur unter großen Schwierigkeiten umgesetzt werden konnte. Erst die russische Niederlage im Krimkrieg 1856 führte zu einem Umdenken. Zar Aleksandr II. bestätigte damals eine Instruktion über die Tätigkeit der nun wieder eingeführten Militäragenten.21867 übernahm dann das Militärstatistische Komitee beim Generalstab die nachrichtendienstlichen Aufgaben der 2. Abteilung des Generalstabsdepartments. Diese neue Struktur sollte sich beständiger als ihre Vorläufer erweisen, denn bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts beaufsichtigte das genannte Komitee den militärischen Nachrichtendienst der Zarenarmee. Allerdings existierte noch immer keine klare Trennung zwischen den Bereichen Beschaffung und Auswertung. Ferner besaß das Referat keinen Zugriff auf die Truppenaufklärung bei den Militärbezirken.3
Die bittere Schlappe im Russisch-Japanischen Krieg von 1904/1905 führte zu umfangreichen Reformen in den Streitkräften des Zaren, die auch den militärischen Nachrichtendienst betrafen. Im April 1906 erfolgte endlich eine Aufteilung der Militäraufklärung in eine Beschaffungsabteilung und mehrere Auswertungsreferate. Die Nachrichtenbeschaffung lag nun beim Referat V (Aufklärung) bei der 1. Oberquartiermeisterverwaltung des Generalquartiermeisters. Die Auswertung der klandestinen Informationen erfolgte in den Referaten der 2. und 3. Oberquartiermeisterverwaltung des Generalstabes. Für die Beschaffung von Geheimmaterial sorgten zudem die Dependancen des Nachrichtendienstes in den Militärbezirken des Zarenreiches. Neben den Spionagenetzwerken des militärischen Nachrichtendienstes blieben auch die Militäragenten weite