: Nathan Thrall
: Ein Tag im Leben von Abed Salama Die Geschichte einer Jerusalemer Tragödie | Ausgezeichnet mit dem Pulitzer-Preis 2024 in der Kategorie »General Nonfiction«
: Pendragon Verlag
: 9783865328861
: 1
: CHF 19.00
:
: Politik
: German
: 296
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ausgezeichnet mit dem Pulitzer-Preis 2024 in der Kategorie »General Nonfiction« »Buch des Jahres 2023« The New Yorker Vor den Toren Jerusalems kommt es zu einer Tragödie, als ein mit palästinensischen Kindern besetzter Schulbus von einem Sattelschlepper gerammt wird und in Flammen aufgeht. Ungeklärte Zuständigkeiten und lähmende Bürokratie im Grenzgebiet verhindern ein schnelles Eingreifen der Rettungskräfte. Am Unfallort treffen israelische und palästinensische Menschen aufeinander, die gemeinsam versuchen den Kindern zu helfen. Ausgehend von diesem Ereignis werden einfühlsam ihre unterschiedlichen Lebensgeschichten erzählt. In seinem auf Tatsachen basierenden Buch gibt Nathan Thrall der Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts ein zutiefst menschliches Gesicht. Selten wurden die Auswirkungen israelischer Siedlungspolitik für das tägliche Leben im Westjordanland so schonungslos und bewegend beschrieben. »Ich kenne kein anderes Werk über Israel und Palästina, das diese Tiefe an Einsicht und Verständnis erreicht. Das Buch kann als ein Abriss moderner palästinensischer Geschichte, eingefasst in die persönlichen Erinnerungen verschiedener Individuen, gelesen werden.« David Shulman | New York Review of Books Das Buch wurde 2024 mit dem Pulitzer-Preis in der Kategorie »General Nonfiction« ausgezeichnet. Begründung der Jury: »Ein sorgfältiger und einfühlsamer Bericht über das Leben unter der israelischen Besatzung des Westjordanlandes, erzählt durch das Porträt eines palästinensischen Vaters, dessen fünfjähriger Sohn bei einem Schulbusunfall ums Leben kommt.«

Nathan Thrall wurde in Kalifornien geboren und lebt seit vielen Jahren in Jerusalem. Seine Essays, Reviews und Features erschienen u. a. im New York Times Magazine und in The Guardian und wurden in viele Sprachen übersetzt. Sie wurden beim Sicherheitsrat der Vereinten Nationen und beim Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen zitiert. Er war ein Jahrzehnt Vorsitzender des Arab-Israeli Projects bei der International Crisis Group, die sich mit Lösungsvorschlägen zu internationalen Konflikten beschäftigt. www.nathanthrall.com

Prolog


Am Abend vor dem Unfall konnte Milad Salama die Vorfreude auf den Klassenausflug kaum noch im Zaum halten. „Baba“, sagte er und zerrte am Arm seines Vaters Abed, „ich möchte für morgen was zu essen kaufen, für das Picknick.“ Sie waren in der Wohnung von Abeds Schwiegereltern, die ganz in der Nähe einen kleinen Gemischtwarenladen besaßen. Abed ging mit seinem fünfjährigen Sohn durch eine der engen Gassen von Dahiyat a-Salaam, einem Viertel ihrer Heimat Anata.

Auf einer Straße ohne Bürgersteige bahnten sie sich ihren Weg durch geparkte Autos und stockenden Verkehr. Über ihnen hing ein Geflecht aus Kabeln, Drähten und Lichterketten, weit überragt von den sich auftürmenden Hochhäusern, vier-, fünf- oder sogar sechsmal höher als die Sperranlage, die acht Meter hohe Betonmauer rund um Anata. Abed erinnerte sich an eine Zeit, gar nicht lange her, da war Dahiyat a-Salaam noch ländlich und überschaubar gewesen und konnte sich noch ausdehnen, nicht nur in die Höhe. Im Laden kaufte Abed für Milad eine Flasche des israelischen Orangengetränks Tapuzina, eine Packung Pringles und ein Überraschungsei, seine Lieblingsschokolade.

Früh am nächsten Morgen half Abeds Frau Haifa, schlank und hellhäutig wie Milad, dem Jungen in seine Uniform: ein weißes Kragenhemd, ein grauer Pulli mit dem Emblem der privaten Grundschule Nour al-Houda und eine graue Hose, die er wegen seiner schmalen Taille immer wieder hochziehen musste. Milads neunjähriger Bruder Adam war bereits fort. An der Straße machte sich ein weißer Schultransporter durch Hupen bemerkbar. Milad beeilte sich mit seinem üblichen Frühstück aus Olivenöl, Zatar und Labneh, die er mit einem Stück Fladenbrot auftunkte. Breit lächelnd packte er sein Mittagessen und die Süßigkeiten ein, küsste seine Mutter zum Abschied und huschte durch die Tür. Abed schlief noch.

Als er aufstand, war der Himmel grau und es schüttete, dazu kamen so starke Windböen, dass manche Leute sichtlich Mühe hatten, geradeaus zu gehen. Haifa blickte mit finsterer Miene aus dem Fenster. „Kein schönes Wetter.“

„Bedrückt dich irgendwas?“, fragte Abed, eine Hand auf ihrer Schulter.

„Ich weiß nicht. Bloß so ein Gefühl.“

Abed arbeitete bei der israelischen Telefongesellschaft Bezeq, hatte aber den Tag frei. Er und sein Cousin Hilmi fuhren gemeinsam nach Dahiyat a-Salaam, um bei seinem Freund Atef, der dort eine Metzgerei hatte, Fleisch zu kaufen. Atef war nicht anzutreffen, was selten vorkam. Abed bat einen der Angestellten, nachzufragen.

Atef lebte in einem anderen Teil Jerusalems, Kufr Aqab, einem dicht besiedelten Stadtviertel mit hoch aufragenden, uneinheitlichen und planlos hingesetzten Hochhäusern, das ebenso wie Dahiyat a-Salaam durch einen Checkpoint und die Mauer vom Rest der Stadt abgegrenzt war. Um sich den täglichen Verkehrsstau und die Wartezeit am Checkpoint zu ersparen, die Stunden dauern konnte, nahm er zur Arbeit einen Umweg in Kauf.

Atef erklärte, er stecke in einem fürchterlichen Stau. Vor ihm hatte es anscheinend eine Kollision gegeben, auf dem Weg zwischen zwei Checkpoints, der eine am Qalandia-Flüchtlingslager und der andere bei der Siedlung Jaba. Kurz darauf bekam Abed einen Anruf von einem seiner Neffen. „Ist Milad heute auf seinem Ausflug? Es gab einen Unfall mit einem Schulbus, nicht weit von Jaba.“

Abed drehte sich der Magen um. Er verließ mit seinem Cousin Hilmi die Metzgerei und stieg in dessen silbernen Jeep. Sie fuhren den Hügel hinunter durch den morgendlichen Verkehr, vorbei an den Autolackierereien mit hebräischer Beschriftung für jüdische Kunden, in denen gerade die Jugendlichen an die Arbeit gingen, vorbei an Milads Schule und dann an der Mauer entlang. Die Straße machte eine Biegung um die Wohnbebauung der Neve Yaakov-Siedlung und führte dann den steilen Hügel hinauf nach Geva Binyamin, eine jüdische Siedlung, auch Adam genannt – genau wie Milads älterer Bruder.

An der Kreuzung in Adam hielten Soldaten alle Wagen an, die sich dem Unfallort näherten, und brachten den Verkehr zum Erliegen. Abed sprang aus dem Jeep. In der Annahme, der Unfall sei nicht so schlimm, verabschiedete sich Hilmi und machte kehrt.

Noch am Tag zuvor hätte Abed Milads Teilnahme an dem Ausflug beinahe verhindert. Allerdings kei