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María saß am Frühstückstisch und blätterte genüsslich in der Zeitung. Nach einer Joggingrunde auf dem Pasillo Verde, zehn Bahnen im Schwimmbad und einer ausgiebigen Dusche fühlte sie sich entspannt. Dazu kamen der Ausblick auf einen arbeitsfreien Samstag und das, was sie stattdessen erwartete: Um drei würde sich die Familie in ihrem Haus in Alcobendas treffen. Sie würde ihre Mutter, ihre Geschwister, Nichten und Neffen sehen, Paella essen und literweise Kaffee trinken, während alle darauf warteten, dass um neun das Spiel gegen Paraguay begann. Sie liebte diese dämliche Weltmeisterschaft. Man musste kein großer Fußballfan sein, um die freudige Erwartung und den ansteckenden Enthusiasmus zu teilen, die Kriminelle und Polizeibeamte in seltener Einigkeit verbanden. Die gelöste Stimmung tat allen gut.Spanien hält im Viertelfinale den Atem an. Das Land verlässt sich auf euch. Ganz Spanien ist ein Fußballverein, lauteten die Schlagzeilen vor ihr auf dem Tisch. Selbst die Zeitungen waren freundlich gestimmt und mit einem Mal herrschte eine versöhnliche Atmosphäre. Wer wollte zu Zeiten der Finanzkrise schon auf eine Gelegenheit zu guter Laune verzichten?
Sie leerte die winzige Kaffeetasse und war gerade dabei, ihr feuchtes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammenzubinden, als das Handy neben der Zeitung vibrierte. Vielleicht ihre Mutter, der in letzter Minute eingefallen war, dass noch eine Zutat fehlte oder jemand, der die Großmutter in Chamberí abholen musste – aber María, bitte nicht mit dem Motorrad! Doch dafür war es zu früh. Die Anzeige auf dem Display bestätigte ihre schlimmsten Befürchtungen: 8800. Die Zentrale.
„Comisaria Ruíz?“
„Am Apparat.“
„Ich stelle Sie zu Esteban durch.“
Mist, dachte sie,nicht ausgerechnet heute.
„Chefin, weißt du noch, dass wir uns einen guten Fall gewünscht haben, damit wir uns den Sommer über nicht langweilen?“
„Na ja, also gewünscht … das klingt ein bisschen heftig. Wen hast du denn umgebracht?“
„Es ist ein Junge.“
„Wie bitte?“
„Wir haben einen toten Jugendlichen gefunden.“
„Und weiter?“
„Vermutlich minderjährig.“
„Und weiter?“
„Ertrunken.“
„Und weiter?“
María hatte es nie geschafft, Esteban das abzugewöhnen, was sie seinen „Fortsetzungsroman“ nannte: Wenn ihre Nummer zwei etwas wusste, ließ er sich die Informationen mühsam aus der Nase ziehen. „Im Sommer ertrinken viele Leute.“
„Aber nicht so wie der hier“, rückte er schließlich mit der Sprache heraus. „Den hier haben wir gefunden …“
„Nun spuck’s schon aus.“
”… in einem See …“
„Raus mit der Sprache!“
”… der nur achtzig Zentimeter tief ist.“
Der Reinigungstrupp im Park Juan Carlos I war frühmorgens lustlos dabei, im Dickicht und auf den Parkwegen rund um den See für Ordnung zu sorgen, als sie die Leiche fanden. Die erste Samstagsschicht war dafür verantwortlich, den Müll wegzuräumen, die Grünflächen zu bewässern und alles herzurichten, bevor die Familien mit ihren Drachen, Fahrrädern, Bällen, tragbaren Kühlschränken und Picknickdecken anrückten. Winston Enrique war in seiner orangefarbenen Uniform mit dem Wägelchen unterwegs. Mit Kopfhörern im Ohr las er ab und zu ein Papierchen auf, sorgfältig darauf bed