2024
Elf Teelichter und zwei Grabkerzen von Schlecker trennen mich von der Dunkelheit. Wer als Erstes gestorben ist, weiß ich nicht. Schlecker oder Heinz. Heinz oder Schlecker. Die Grabkerzen sprechen dafür, dass es Heinz war. Vor siebzehn Jahren. Bei der Beerdigung hat die Sonne geschienen, der Bienenstich war zu trocken, der Kaffee annehmbar. Ich bekreuzige mich. Nach der Schlecker-Pleite ist keine neue Drogerie nach Unterlingen gekommen. Zu klein, zu abgelegen, zu überaltert. Wer kann es ihnen verdenken. Spätestens heute Nacht wäre die Drogerie ohnehin abgesoffen. So wie der Supermarkt, das Rathaus und der Friedhof.
Der Strom ist als Erstes ausgefallen. Noch vor Sonnenuntergang. Ich hatte gerade Tee aufgesetzt. Das Wasser ist rasend schnell gekommen, braun wie die Lederhandtasche vom Gardasee, die ich nie getragen habe. Sommerurlaub ’79, der Händler hat versichert, sie sei handgemacht. Mailand, Hauptstadt des Nordens. Heinz hatte Sonnenbrand, Nico Pubertät. Ich habe die Tasche gekauft, ohne zu verhandeln.
Eine der Grabkerzen stelle ich ins Bad neben das Waschbecken, zünde sie an. Wenn ich später zur Toilette muss, will ich nicht stolpern und stürzen. Knochen brechen leicht in meinem Alter und kein Krankenwagen wird mich heute Nacht erreichen. Die andere Grabkerze spare ich mir auf. Wer weiß, wie lang ich hierbleiben muss. Die Uhr in der Küche zeigt kurz nach Mitternacht. Mit geschlossenen Augen klingt es wie ein regnerischer Tag am Meer. Rauschende Brandung, das Hämmern des Regens auf den Dachfenstern. Ich hoffe, dass ich irgendwann einschlafen kann. Schlafende brauchen kein Licht, denken nicht nach. Angst habe ich keine. Nicht um mich, nur ums Haus. Das Erdgeschoss ist vollgelaufen. Ich kann das Wasser durch die geschlossene Wohnungstür riechen. Modrig und faul, als wäre unter mir ein Klärwerk. Durch den Türspion sehe ich das Gluckern weiter unten im Treppenhaus. Seit einer Stunde ist der Pegel nicht gestiegen, trotz des unablässigen Regens. Ich habe die Ziegelsteine der Außenwand aus dem Fenster heraus gezählt. Drei Reihen über dem Erdgeschosssims hat das Wasser bis elf Uhr verschluckt. Dreizehn trockene Reihen darüber trennen die braune Brühe von mir. Die Vorhänge sind gebügelt. Eine Schande wäre das.
Unter mir wohnen die Schröers. Nett, streiten sich oft. Der Rasen, die Hecke, die Rechnungen, nie hilfst du mit. Ich kann alles hören, wenn unsere Fenster auf Kipp stehen. Ob sie das wissen? Ob sie wollen, dass ich alles höre? Schröers Bernhard hat zeit seines Lebens im Kesselbau gearbeitet. Schweißer. Seine Frau, Christa, ist für den Sohn zu Hause geblieben. Später hat sie in der Bäckerei am Brunnenweg ausgeholfen, um die Rente aufzustocken. Der Sohn, Michael oder Mike oder beides, ist längst weggezogen. Hat in Marburg Jura studiert und kommt nur selten nach Unterlingen. Kinder hat er keine, sonst hätte ich ihr Lachen durch unsere Fenster-auf-Kipp-Verbindung gehört. Die Schröers sind heute Morgen kurz nach dem Frühstück gefahren. Mit zwei schweren Koffern, als wollten sie verreisen. Dabei kommt das Wasser doch zu ihnen. Sie haben sich nicht umgedreht. Ich stand oben am Fenster, habe zugesehen, wie Bernhard die Koffer in den alten Opel Vectra gehievt hat. Er war verschwitzt, hat viel geflucht. Die Knie. Kesselbau fordert seinen Preis. Ich hätte sie fragen können, ob sie mich mitnehmen. Die Rückbank war frei. Wahrscheinlich hätten sie es sogar gemacht. Doch ich muss bleiben. Ich wohne hier. Die Vorhänge sind frisch gebügelt.
Zweimal am Nachmittag hat es geklingelt. Irgendjemand schien an mich zu denken. Vielleicht Nachbarn, vielleicht das THW. I