Kapitel 1
Ein schneidender Wind drang durch das geöffnete Fenster der Wohnung in der Church Street und forderte die Vorhänge zum Tanz auf. Der lavendelfarbene Stoff bauschte sich unter diesem ganz und gar winterlichen Gruß, den das Meer herbeischickte.
Sophie Clarke saß ein paar Fuß weit entfernt in ihrem Lesesessel und beobachtete das Schauspiel, während sie sich die Decke um ihre Schultern ein wenig enger zog.
Es war so früh am Tag, dass die Sonnenstrahlen hinter der Wolkendecke des Dezemberhimmels noch nicht genügend Kraft besaßen, um das Grau ein wenig heller zu färben.
Die Winter in Howth waren kalt, nass und lang, und Sophie war sicher, dass viele Bewohner des Küstendorfes diese Jahreszeit als die unliebsamste von allen empfanden – vom Weihnachtsfest und dem Silvesterabend einmal abgesehen.
Sie selbst hingegen hatte diese Monate, in denen Howth und die es umgebene Küste seine raue, wilde Seite zeigten, schon immer geliebt.
Vielleicht, weil sie selbst eine solche Seite in sich trug.
Unwillkürlich zuckten ihre Mundwinkel. Was für ernste, tiefsinnige Gedanken für eine junge Frau, die vorletzte Nacht dreißig Jahre alt geworden war – und vor allem für eine Frau, die diesen Geburtstag mit einem albernen Partyhut auf dem Kopf gefeiert und ungeniert das Tanzbein geschwungen hatte. Der Gedanke an die kleine, auf den ersten Blick wild zusammengewürfelt wirkende Gruppe ihrer Begleiter brachte sie nun tatsächlich zum Kichern: eine betagte Dame, eine Frau mittleren Alters, ihre Tante und deren beste Freundin, ein liebenswerter älterer Herr und zwei aus Deutschland zugezogene Wahl-Irinnen, von denen eine die beliebteste Bücherei an der ganzen Nordküste betrieb und die andere einen wunderbaren Bücherbus durch die umliegenden Dörfer fuhr