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TÓRSHAVN
Revur fiel ins Bett. Die Hiking-Tour war heftig gewesen. Nur er und sein Schwager. Sie waren erst an ihre Grenzen gegangen, dann, wie immer, ein Stück darüber hinaus. Im Anschluss zwei gemeinsame Biere, jeder, dann hatte er sich auf den Heimweg gemacht. Also noch einen halbstündigen Fußmarsch obendrauf. Revur hatte zwar frei, doch wollte er am nächsten Tag früh aufbrechen und seine Großeltern besuchen. Bei vier freien Tagen kam er nicht darum herum. Er stauchte das Kopfkissen zusammen, schob es unter seinen Kopf und drehte sich vom Fenster zur Wand. Die Straßenlaterne hatte einen Lichtfinger zwischen den Vorhängen hindurchgeschoben, er verharrte auf dem einzigen Bild an der Wand. Ein Foto seiner Schwester, aufgenommen bei ihrem letzten gemeinsamen Ausflug. Revur drehte sich zurück zum Fenster. Es war einen Spalt geöffnet, frische kühle Luft strömte herein. Das Foto seiner Schwester, gespenstisch aus der Dunkelheit gehoben, weckte Erinnerungen. Nach einigen Minuten wälzte er sich auf den Bauch. So ging es weiter, von links nach rechts und wieder auf den Bauch. Irgendwann musste er doch weggesackt sein, jedenfalls erwischte »Highway to Hell« ihn im Tiefschlaf. Er fuhr hoch, saß einen Moment lang orientierungslos im Bett, bis er endlich nach seinem Handy griff und mit halb geschlossenen Augen über den grünen Hörer wischte.
Sekunden später war er hellwach.
Revur fuhr sich übers Kinn. Die Bartstoppeln verursachten ein kratzendes Geräusch. Der Kollege aus der Notrufzentrale hatte seinen Bericht beendet. Jemand hatte den Notruf angerufen und etwas von der Rückkehr der Robbenfrau gefaselt. Der Mann war anscheinend völlig aufgelöst gewesen. Doch offenbar gab es eine Leiche auf Kalsoy. Genaues wussten sie noch nicht, nur, dass der Mann kein Einheimischer war. Revur hatte mit unbewegtem Gesicht zugehört. Der Kollege, der seine Kopfhörer noch unschlüssig in der Hand hielt, zuckte die Schultern. Es war allgemein bekannt, dass Touristen manchmal überschnappten, in einer Landschaft, die nicht von dieser, auf keinen Fall jedoch von ihrer Welt zu sein schien. Hinzu kam die Vielzahl grausamer Føroyingasaga, mit denen sie unweigerlich irgendwann konfrontiert wurden. Kein Wunder, dass bei dem einen oder anderen Urlauber gelegentlich eine Sicherung durchbrannte.
Revur wollte die Originalaufnahme des Notrufs hören.
»Hello, police, Faroe Police?«
»Yes, how can we help you?«
»This is urgent, very urgent! A murder …«
»Where are you?«
»The Seal-Woman! She has come back! She killed …«
»Where are you? Are you on Kalsoy? Please give us your adress.«
»Oh my god! He is dead! You must hurry! The Seal-Woman …«
Hier brach das Gespräch ab. Die Nachfragen der Zentrale blieben unbeantwortet.
Revur hatte konzentriert gelauscht. »Noch mal!«, sagte er.
»Hello, police, …«
»Stopp!« Er blickte auf und sah, dass Niklas Olsen inzwischen eingetroffen war.
»Okay, weiter – bis zurKópakonan.«
Revur nickte kurz in Niklas’ Richtung und konzentrierte sich wieder auf die Aufnahme. Jetzt tauchte auch Sólja Marnersdóttir auf,