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Suki
»Schieb mal die Chilisoße rüber. Meine Eier können noch etwas Schärfe vertragen.«
»Irgendwann ätzt dir das Zeug noch die Stimmbänder weg«, entgegnete mein älterer Bruder Carter und verdrehte amüsiert die Augen, während er mir die rote Flasche reichte. »Und wenn du mich fragst, wäre das ganz schön tragisch. Immerhin bist du die Einzige in unserer Familie, die gut singen kann.«
Ich schnaubte und nahm die Flasche entgegen. »Mal abgesehen von deinen Künsten, wenn du den ein oder anderen Tequila zu viel hattest.«
Im Hintergrund unserer kleinen Wohnküche tönte die zehn Minuten lange Version von Taylor SwiftsAll Too Well, und ich sang wie immer im Kopf den Text mit.
»Schön wär’s«, gab er grinsend zurück. »Auch wenn ich es mir wünschte, mit dir kann ich es nicht aufnehmen.«
»Klar. Meine ach so tolle Stimme.« Ich schüttelte den Kopf, weil ich es leid war, mir immer anhören zu müssen, dass ich eine tolle Stimme hatte, obwohl ich doch eigentlich gar nicht singen konnte. Dann fing ich an, eine riesige Ladung der Soße auf meinen Spiegeleiern zu verteilen, die auf meinem Frühstückstoast heute Morgen eine exzellente Figur machten. Sofort zog mir der stechende Chiliduft in die Nase. Mir lief das Wasser im Mund zusammen.
»Jap. Und ich werde es dir so lange unter die Nase reiben, bis du selbst wieder an dich glaubst und checkst, dass du eine große Soulsängerin werden kannst.« Carter schob sich zufrieden grinsend einen Löffel seiner Frühstückscerealien in den Mund, bevor er sich einmal durch sein honigblondes Haar wuschelte und sich zurücklehnte. Unsere Haare hatten zwar dieselbe Farbe, doch während seine eher glatt, glänzend und voluminös wie bei einem Disney-Prinzen waren, thronte auf meinem Kopf eine wilde Lockenmähne, die mir bis zu den Achseln reichte und mich manchmal – okay, recht oft – in den Wahnsinn trieb.
»Wie dem auch sei, Profischleimer.« Ich verdrehte über seine Worte die Augen, bevor ich einen Bissen Toast nahm und sofort die Schärfe schmeckte. Irgendwie gab sie mir den Kick für den Tag, den ich manchmal brauchte.
Ich liebte das gemeinsame Frühstück mit Carter, das jeden Morgen unser Ritual und der perfekte Start in den Tag war. Davor versuchte ich immer, ein Dance-Workout in meinem Zimmer zu machen. Davon bekam ich sofort gute Laune – na ja, alles, was mit Musik und Tanzen zu tun hatte, verschaffte mir ein breites Grinsen, und im Anschluss gab ich meinen Shampooflaschen ein kleines Privatkonzert. Die beschwerten sich glücklicherweise nie über meine krächzende Stimme, aber vielleicht hatten sie auch mit Carter einen Deal geschlossen.
Unser kleines Apartment in Culver City, das wir vor vier Jahren gefunden hatten, war mein Safe Space, nachdem wir raus aus unserem Elternhaus auf Long Island und nach Los Angeles gezogen waren. Ich konnte bei meinem großen Bruder, der mit seinen fünfundzwanzig drei Jahre älter war als ich, so sein, wie ich war, ohne Bedenken zu haben, dass er es gegen mich verwenden würde. Und dafür war ich ihm täglich dankbar.
»Tja«, sagte Carter und hob einen Mundwinkel. »Kann nun mal nicht jeder so ein Profi in ungefähr allem sein wie ich.«
Ich schnaubte. »In allem? Mhm, na klar. Was ist mit deinem schmutzigen Geschirr, das sich schon in der Spüle stapelt? Ein Profi im Spülmaschine-Einräumen bist du wohl nicht, oder?«
»Suki, Suki, Suki. Ich warte einfach nur auf den Zeitpunkt, an dem du davon so krass genervt bist, dass du das für mich übernimmst. Darin bin ich quasi Profi.« Er zwinkerte mir zu und nahm noch einen Löffel der Puffs.
»Du bist so ein faules Stück, dass ich mich manchmal echt frage, wie wir verwandt sein können.«
Als ich Anstalten machte