: Christine Grän, Marianne von Waldenfels
: Das Fräulein muss sterben Kriminalroman | Historischer Krimi und großer Gesellschaftsroman in einem!
: Verlagsgruppe Droemer Knaur
: 9783426446898
: Kommissarin Clara Frings
: 1
: CHF 14.00
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 352
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Kriminalroman und großer Gesellschaftsroman in einem: Tauchen Sie ein in die flirrende Ära von Willy Brandt Bonn, 1972: In ihrem Penthouse feiert die niederländische Journalistin Nelie Hendriks, dass Willy Brandt das Misstrauensvotum überstanden hat. Zu ihrer illustren Gästeschar gehören neben einigen Damen der Nacht vor allem Spione und Politiker. Hat einer von ihnen die Finger im Spiel, als Nelie in den Tod stürzt? Kommissarin Clara Frings darf untergeordnet ermitteln, stößt in der Männerwelt der kleinen Hauptstadt am Rhein jedoch schnell an ihre Grenzen. Clara macht Fehler und muss dafür bezahlen. Die Emanzipation der Frauen hat gerade erst begonnen, und das gesellschaftliche Leben wird bestimmt vom Paragraph 218, Studentenprotesten, RAF-Bomben und Radikalenerlass. Erst am Tag von Willy Brandts Rücktritt wird Clara endlich Antworten finden ... »Das Fräulein muss sterben« ist ein kluger historischer Krimi aus der Bonner Republik Anfang der 70er-Jahre - spannend und informativ, erfrischend anders, schnell und witzig geschrieben Authentisch und unterhaltsam fangen Christine Grän und Marianne von Waldenfels das Lebensgefühl der 70er-Jahre zwischen Aufbruchsstimmung und Spionage-Affären ein. Der historische Kriminalroman der beiden Autorinnen und Journalistinnen bietet zeitgeschichtliche Unterhaltung für die Leser*innen von Marc Raabe oder Christof Weigold.

Christine Grän schrieb in den 70er-Jahren für den Bonner General Anzeiger, um danach in Botswana und Hongkong, Frankfurt, Bonn und München als Journalistin und Autorin zu arbeiten. Sie veröffentlichte zahlreiche Romane, unter anderem die Anna Marx-Krimis. Sie lebt heute in ihrer Geburtsstadt Graz. 

3. Kapitel


Kurz vor zwei sucht Schulze in der Sigmund-Freud-Straße fluchend einen Parkplatz in der Nähe des Rechtsmedizinischen Instituts. Er weiß, dass er an der Beethovenhalle bestimmt einen Platz fände, doch wenn er eines hasst, dann sind es Fußwege. Das Auto ist für ihn die Erfindung des Jahrhunderts, und auf seinen neuen3erBMW ist er stolz wie Oskar. Hat ein kleines Vermögen gekostet, und er musste einen Kredit aufnehmen, um den Wagen zu finanzieren. Seine Frau ist seither nur am Meckern, weil dafür der Italienurlaub gestrichen wurde. Andererseits war sie immer schon eine Xanthippe vor dem Herrn. Ulla braucht keinen Anlass, um auf die Barrikaden zu gehen, und ihre Eifersucht wird ihn eines Tages noch umbringen. Oder er sie.

Nachdem Schulze das Institut dreimal umkreist hat, findet er einen Parkplatz beinahe vor dem Eingang, was ihn in beste Stimmung versetzt, aber nur kurz, denn die Aussicht auf eine Leiche schlägt ihm schon im Lift auf den Magen. Einziger Lichtblick: Clara Frings und ihre erste Begegnung mit einer nackten Toten, die aufgeschlitzt wird. Wahrscheinlich wird sie in Ohnmacht fallen, denkt er, Frauen haben in diesem Beruf einfach nichts zu suchen. Aber schmücken tun sie schon. Manchmal sind sie sogar noch schlau. Und was wäre der rheinische Karneval ohne die lecker Mädche?

Clara ist schon da, als Schulze den Sektionssaal betritt. Klar, sie ist bestimmt wieder mit dem Rad gefahren. Sie steht neben – einer jungen Frau! Da hol ihn doch der Teufel, die muss frisch von der Uni sein, denkt er, und dass die Weiber vor keiner Männerdomäne mehr zurückschrecken.

Die Rechtsmedizinerin sieht kurz von der Leiche auf, nickt nur und sagt: »Dr. Karen Breuer. Sie müssen der Kollege von Frau Frings sein.«

»Ihr Chef. Polizeihauptkommissar Schulze.«

Sie lächelt kurz und wendet sich wieder ihrer Leiche zu. Nelie Hendriks liegt auf dem Metalltisch und hat die Augen geschlossen.

Karen Breuer spricht in ihr Diktiergerät, während sie die Leiche abtastet: »Verschiedene Aufprallwunden, verursacht durch Sturz aus großer Höhe. Gebrochene Arme und Beine, Beckenfraktur, eingedrückter Brustkorb und Verletzung lebenswichtiger Organe. Schädelbruch als unmittelbare Todesursache.« Sie blickt hoch: »Nelie Hendriks war sofort tot.« Zu Clara, nicht zu Schulze: »Sie ist kopfüber gestürzt, das ist ungewöhnlich. Normalerweise fallen die Leute mit den Füßen voran in die Tiefe. Was nichts am Ergebnis ändert. Trotzdem …«

»Sie war eben eine ungewöhnliche Frau«, sagt Schulze. »Wahrscheinlich auch noch betrunken und zugekokst.«

Ein scharfer Blick: »Das kann ich erst bestätigen, wenn ich seziert habe und Magen- und Urinproben analysiert wurden.« Sie setzt sich eine Schutzbrille auf, streift Gummihandschuhe über, greift zum Skalpell, und – ohne Vorwarnung – teilt sie den Körper vom Hals bis zur Vagina in zwei Hälften. Er klafft auseinander und gibt den Blick auf die Organe frei.

Sowohl Clara wie auch Schulze sind unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten. Ein Geruch von schrecklicher Süße liegt jetzt in der Luft. Schulze hält sich ein Taschentuch vors Gesicht, während Clara offenbar versucht, ihre Nase zu blockieren. Lächelt die Rechtsmedizinerin? Der Gestank scheint ihr nichts auszumachen, sie entnimmt die Organe und übergibt sie ihrem Assistenten, einem jungen Mann, so bleich, als habe er noch nie die Sonne gesehen.

Schulze entschuldigt sich, er muss nach draußen und eine Zigarette rauchen. Die Toten waren noch nie sein Fall, und wenn er kann, delegiert er den Gang in die Gerichtsmedizin. Aber er konnte das Mädchen ja wohl nicht alleine zur Obduktion gehen lassen, und die infrage kommenden Kollegen waren verhindert. Eigentlich, denkt er, hat sich die Frings ganz gut gehalten. Ist jedenfalls nicht ohnmächtig geworden oder schluchzend rausgelaufen. Nur ein bisschen blass um die Nase ist sie geworden.

Er raucht seine zweite Zigarette, als Clara aus der Tür kommt. Etwas mitgenommen sieht sie schon aus, und aus irgendeinem Grund freut ihn das. »Na, hat die Dame schon alles rausgeschnippelt?«

 

Clara empfindet den flapsigen Ton als unangebracht, doch sie nickt nur. »Ja, und die Schädeldecke aufgemacht. Das war hart. Irgendwie ist Nelie Hendriks jetzt nur noch ein Stück Fleisch.