Ich selbst habe den Honigmann nie kennengelernt. Aus Honig mache ich mir nichts und noch weniger aus diesem Dekokram, den er in seinem Laden verkauft hat. Tassen, Vasen, Kerzen, Gläser, Duftöl, Tee in bunten Verpackungen. Solches Zeug. Staubfänger. Fine sieht das natürlich anders. Wir haben eine Regel: Für jedes neue Stehrumchen, das sie kauft, muss ein anderes weggeworfen werden. Wir ersticken sonst in diesem Krempel. Sie hat versucht, mich auszutricksen, und immer mehr Tee gekauft, »Tee der Hundertjährigen« beispielsweise. Keine Ahnung, was das war, Tee jedenfalls nicht. Lange, getrocknete Stiele von irgendeiner Wunderpflanze aus den Bergen von Rumänien, wo die Leute eben100 Jahre alt werden. Man kennt ja diese Geschichten. Mal ist es Rumänien, mal Kreta, mal woanders: Mittelmeerdiät, auf Fisch basierende Ernährung bei den Japanern. Fine hat sich sogar eine Netflix-Doku darüber angesehen: »Die blauen Zonen«. Gut, man konnte ihn schon trinken, diesen Sud aus dem rumänischen Gestrüpp, er schmeckte zwar nach nichts, und viel besser habe ich mich nachher auch nicht gefühlt. Dabei habe ich sehr viel »Tee der Hundertjährigen« getrunken in den letzten Monaten.
Der Laden vom Honigmann war mir zum ersten Mal aufgefallen, als wir vom Italiener kamen, mit Carla. Das muss im November gewesen sein oder im Dezember, jedenfalls war es ziemlich kalt. Wir standen auf dem Schulparkplatz, ich wollte möglichst schnell zum Auto und meine Tochter auch. Doch Fine blieb vor dem Schaufenster stehen und war gar nicht mehr wegzubekommen. Alles war schon angeordnet und dekoriert, durchaus mit Geschmack, muss ich sagen. Dass der Laden ein Erfolg werden konnte, war mir gleich klar. Fine und die anderen Frauen hier, die mögen so etwas, sie müssen sich ja ständig Kleinigkeiten mitbringen. Zum Geburtstag, zu Ostern, zu Weihnachten, wenn sie sich besuchen oder zum Abendessen eingeladen sind. Und natürlich als Schuljahresendgeschenke für die Lehrerinnen und Lehrer. Das ist hier so ein Brauch. Ich persönlich kann mich nicht erinnern, dass wir unseren Lehrern mal was geschenkt haben, aber das hat sich in den letzten zwanzig Jahren eben total verändert. Es gab einen Riesenbedarf für diese Mitbringsel bei uns in Fischbach, nicht zu teuer, nicht zu günstig, ganz und gar nutzlos, aber eben nett. Da hatte dieser Honigmann schon einen guten Riecher.
»Das ist genau, was uns hier noch gefehlt hat«, sagte Fine, als wir im regnerischen Halbdunkel vor dem Geschäft standen. »Die perfekte Frauenfalle«, sagte ich und weiß noch, dass eine ältere Frau, die ich gar nicht kannte, in diesem Moment an uns vorbeilief und laut lachte.
Wir sind vor über zehn Jahren nach Fischbach gezogen, und ich muss sagen, dass es die beste Entscheidung unseres Lebens war. Nicht nur für Carla, sie ist jetzt sieben, sondern auch für Fine und mich. Eigentlich ist es verrückt. Wir beide hatten ein Leben lang davon geträumt, raus aus der Provinz zu kommen und in die Großstadt zu ziehen. Wohnung mit Dachterrasse, Blick über die Stadt. Wir hätten uns nie Yuppies genannt, das war damals schon ein Schimpfwort, aber wir waren die klassischen Dinks: Double Income, no Kids. Fine hatte eine sehr gute Rolle in der Serie bekommen, viele Drehtage. Sicher nicht der Traum, den sie gehabt hatte, als sie auf der Ernst-Busch-Hochschule war, aber eine sichere Sache und fantastisch bezahlt. Ich selbst musste mehr Projekte ablehnen, als ich annehmen konnte. Es gab damals noch nicht so viele Programmierer wie heute. Also richtig gute. Und ich war richtig gut.
Da saßen wir also in unserer Terrassenwohnung in der Stadt und tranken Prosecco, rauchten jeden Abend zwei, drei Joints, hörten Radiohead und tanzten ein bisschen zu den Lichtern der Stadt. Die Staffelmiete war viel zu hoch, aber wir wussten unser Geld nicht besser auszugeben. Das exzessive Reisen hatten wir schon hinter uns, außerdem musste Fine sich nach dem engen Drehplan richten. Wir wollten jetzt erwachsen sein und das auch zeigen. Während alte Freunde von uns noch zu Ikea fuhren, waren wir