Robin musste die Mitteilung, die er von seinem Vater erhalten hatte, erst einmal verdauen.
»Willst du allein sein?«, fragte Ronja mitfühlend.
Robin schüttelte den Kopf. Es tat gut, mit jemandem zu reden, wenn einem etwas auf der Seele lag. Das hatte er schon immer so empfunden. Im Kinderheim war es stets sein bester Freund Jonas gewesen, der ihm geduldig zugehört hatte und dem es auch meistens gelungen war, Trost zu spenden oder manches Mal sogar eine Lösung vorzuschlagen. Jonas war für Robin derzeit nicht erreichbar. Aber Ronja hatte sich bisher als treue Freundin erwiesen. So war es ihm sehr recht, dass sie ihn nach hinten ins Gartenhaus ihrer Mutter begleitete, das er heimlich bewohnte. Ronja hatte sich das Gartenhaus schon als eigenes, gemütliches Häuschen komplett eingerichtet, lange bevor sie Robin kennengelernt hatte: mit einem kleinen Schlafsofa, Tisch, Stuhl und Musikanlage. Insofern bot es sich ideal als Unterschlupf für Robin an. Ronjas Mutter wusste davon nichts und kam auch sowieso fast nie dorthin.
Robin setzte sich aufs Bett und starrte immer wieder auf den Zettel mit der Nachricht seines Vaters. Sein Hund Little John spürte, dass etwas sein neues Herrchen bedrückte. Er legte sich vors Bett und schmiegte sich anhänglich an Robins Bein. Ausnahmsweise wollte er Robin weder zum Spielen überreden, noch bettelte er um Fressen, als wollte auch er einfach nur trösten.
Ronja hatte sich im Schneidersitz auf den Boden gesetzt, betrachtete Robin nachdenklich und sagte schließlich: »Das Gute ist, dass der Typ, der dich verfolgt, offenbar nach wie vor nicht weiß, dass du hier wohnst. Wir sind also nicht bedroht, und du kannst fürs Erste hierbleiben.«
»Ja«, sagte Robin leise. »Das ist gut. Danke.«
Ronja legte eine kurze Pause ein, ehe sie nachlegte: »Und wir wissen nun definitiv, dass dein Vater lebt, dass er dich liebt, dass er in der Nähe ist und ein Auge auf dich hat.«
»Ja«, sagte Robin nur wieder. Dieses Mal hob er leicht den Kopf, um Ronja anzusehen.
Sie erkannte, dass ihm Tränen in den Augen standen.
»Was kann so gefährlich sein, dass er mich neun Jahre lang hat glauben lassen, er wäre tot?«, fragte Robin traurig. »Dass er sich neun Jahre nicht bei mir gemeldet hat? Ich musste neun Jahre im Kinderheim wohnen. Allein! Weiß er nicht, wie sehr ich ihn vermisst habe?«
Nun hatte auch Ronja einen Kloß im Hals. Sie musste sich erst räuspern, bevor sie etwas sagen konnte. »Wir wissen es nicht, Robin. Noch nicht.«
Robin stutzte.
»Du willst weiter nach ihm suchen?«, fragte er erstaunt.
»Natürlich!«, antwortete Ronja. Das war für sie gar keine Frage! »Du etwa nicht?«