Prolog
Isaiah
Vor drei Jahren
Es ist der schlimmste Tag des Jahres.
Es ist der schlimmste Tag jeden Jahres.
Normalerweise bin ich zu dieser Zeit mit meinen Mannschaftskameraden auf Reisen, weil wir uns mental auf die Saison vorbereiten. Ich sollte jetzt in Cancun oder Miami am Pool liegen und einen Cocktail schlürfen, während ringsum die Party tobt und mich ablenkt.
Nur bin ich dieses Jahr nicht am Pool, ich bin nicht betrunken, und ich habe auch keine angenehme Ablenkung. Stattdessen verstecke ich mich im Clubhaus des Teams in der Damentoilette … Dieses Jahr beginnt die Saison früh, und leider bietet mir der erste Baseballspieltag nicht genug Ablenkung.
Die Damentoilette ist makellos und viel, viel sauberer als unsere. Es gibt eine Samtcouch und kleine Parfümflaschen auf dem Tresen, hübsch gefaltete Handtücher und eine Glasschale mit Minzbonbons. Es riecht unendlich viel besser als auf der Männertoilette, und ich hoffe nur, dass die anderen Jungs nie auf den Trichter kommen, wie verdammt schön es hier ist, denn dies ist mein Geheimversteck, und das schon seit sechs Jahren – also seit mich die Windy City Warriors als Shortstop gedraftet haben.
Es gibt kein weibliches Personal bei uns, also benutzt niemand diese Toilette – außer mir, wenn ich einen Moment für mich brauche.
Man könnte sagen, ich bin der Durchgedrehte unseres Teams. Ein bisschen rücksichtslos und enorm von sich selbst eingenommen. Der Typ, der sich selbst bereitwillig zur Zielscheibe von Witzen macht, damit alle was zu lachen haben. Es würde ganz und gar nicht zu meinem Ruf passen, gleich zu Beginn der Saison einen Zusammenbruch zu erleiden oder vor meinen Mannschaftskameraden zu heulen wie ein kleines Mädchen.
Ich bin ein achtundzwanzigjähriger Mann und scheue nicht davor zurück, mir einzugestehen, dass dieser Tag immer noch schwer für mich ist, auch nach all den Jahren. Ich war erst dreizehn, als mein zwei Jahreälterer Bruder mir die Nachrichtüberbringen musste, dass sich das Auto unserer Mutter auf der Heimfahrt während eines Sturms um einen Baum gewickelt hat und wir sie niemals wiedersehen würden.
Also ja … Es ist der schlimmste Tag des Jahres.
Mit zitternden Knien sitze ich in einer der Kabinen auf dem geschlossenen Toilettendeckel und versuche, mich zusammenzureißen. Ich muss mich dringend wieder in den lustigen, fröhlichen Isaiah Rhodes zurückverwandeln, dem die Sonne aus dem Arsch scheint. Der die anderen mit seiner guten Laune ansteckt. Der Isaiah, den jeder hier zu sehen erwartet, sobald ich das Clubhaus betrete.
Ich bin gern dieser Typ. Neunzig Prozent der Zeit bin ich dieser Typ, von Natur aus. Ich habe schon als Kind herausgefunden, dass ich meinen Bruder auch dann zum Lachen bringen kann, wenn er eigentlich so gestresst ist, dass andere ihm nicht mal ein Lächeln entlocken können, und das war ein großartiges Gefühl. Es war, als hätte ich meinen Daseinszweck gefunden – die Menschen um mich herum glücklich zu machen. Und deshalb bleibe ich in solchen traurigen, schwierigen Momenten lieber für mich.
Ich gönne mir einen letzten Moment Traurigkeit, bevor ich die Kabine verlasse und mir am Waschbecken ein wenig Wasser ins Gesicht spritze.
Doch kaumöffne ich die Tür zum Gang, höre ich draußen Stimmen. Dieser Bereich des Clubhauses ist normalerweise leer. Erstaunt bleibe ich stehen. Erkenne Dr. Fredricks Stimme und beschließe, außer Sicht zu bleiben, denn ich möchte nicht, dass jemand mitbekommt, dass ich mich gerade zum Heulen hier verkrochen habe.
»Sie haben bei Ihrer Bewerbung gelogen.«
»Ich habe nicht gelogen«, erwidert eine Frau.
Dr. Fredrick senkt die Stimme, aber ich höre ihn trotzdem deutlich.»Sie haben mich gezielt getäuscht, und das wissen Sie auch.«
»Kenny ist die Kurzform von Kennedy.«
Vorsichtig spähe ich um die kleine Trennwand herum und entdecke Dr. Fredrick, der verärgert auf eine Frau hinunterstarrt.
Sie steht mit dem Rücken zu mir, deshalb sehe ich ihr Gesicht nicht, aber sie reicht Dr. Fredrick kaum bis zum Kinn, und er ist kein großer Mann. Ihr Haar ist zu einem dicken Pferdeschwanz zusammengebunden und fällt ihrüber den halben Rücken. Ich kann die Farbe nicht richtig erkennen, aber es ist auf jeden Fall kein gewöhnliches Blond oder Brünett, so viel kann ich schon mal sagen.
Dr. Fredrick sieht sich um und vergewissert sich, dass sie allein sind. Rasch ducke ich mich hinter die Trennwand und lausche angestrengt.
»Das ist nicht das richtige Umfeld für Sie. Ich schlage vor, Sie lehnen das Stellenangebot ab und suchen sich etwas, das für jemanden wie Sie besser geeignet ist.«
»Für jemanden wie mich … also für eine Frau?«
Was zum Teufel?
Ich mochte Dr. Fredrick noch nie besonders. Aber er steht unserer Gesundheit-und-Wellness-Abteilung vor und ist der leitende Teamarzt; alle anderenÄrzte, Ernährungsberater und Sporttrainer sind ihm unterstellt. Deshalb hatte ich bisher zumindest noch einen gewissen Respekt vor ihm … aber jetzt verpufft er völlig.
Einen Moment lang herrscht Schweigen, als würde erüberlegen, was er sagen soll, ohne sich damit in Schwierigkeiten zu bringen.
»Die ursprünglich ausgeschriebene Stelle muss nicht mehr besetzt werden. Wie mir die Personalabteilung mitgeteilt hat, kann ich das Angebot nicht mehr ganz zurückziehen, aber ich kann es abändern. Zum jetzigen Zeitpunkt suche ich nur eine