1. Faden
Nicht nur in Märchen, sondern auch in Krimis wird gesponnen.
Tim Wallenstein stand am Parkplatz und blickte auf den spiegelglatten Staffelsee. Obwohl es noch angenehm warm war und das Abendlicht golden glänzte, roch die Luft auffallend nach Moos und feuchter Erde. Irgendwie schon nach Zersetzung und Vergänglichkeit. Die Madlfinger trugen jedoch beharrlich T-Shirts, kurze Hosen, luftige Kleider und Sandalen. Selbst die Bäume hatten bisher kaum Blätter verloren und doch war längst Herbst. Jeden Morgen lag Nebel wie ein feuchtes Leichentuch über den Wiesen und feine Spinnfäden flogen durch die Luft oder glitzerten silbrig zwischen Grashalmen und Zweigen. Auch die Nächte waren bereits kühl. Wallenstein wollte sich gar nicht vorstellen, was die fortgeschrittene Jahreszeit für die Wassertemperatur des Sees bedeutete.
An der Seite seiner ehemaligenSEK-Kollegen Arne, Kevin, Leon und Marcel lief er zum Ufer und sehnte sich jetzt schon nach den langen und lauen Sommerabenden zurück. In der Natur jedoch folgten Leben und Sterben einem festen Rhythmus. Ohne Angst oder Bedauern.
Klagten Libellen etwa über ihr Schicksal? Schließlich würden nur ihre Larven und Eier die Winterkälte überstehen. Sorgte sich ein Igel, ob die angefressenen Fettreserven bis zum nächsten Frühjahr reichen und er wieder aufwachen würde? Oder hatten Tiere und Pflanzen wirklich keinerlei Vorstellung von ihrer Endlichkeit?
Wallenstein bückte sich nach einem leeren Schneckenhaus und wunderte sich über seine schwermütigen Gedanken. An seinem Job konnte es nicht liegen. Obwohl er bei der Kripo war, hatte er zurzeit nichts mit dem Tod zu tun. Stattdessen saß er die meiste Zeit am Schreibtisch und wälzte Akten zu Autodiebstählen. Luxuskarossen verschwanden spurlos aus Tiefgaragen, Einfahrten oder von öffentlichen Parkplätzen. Für die gut versicherten Eigentümer war der Verlust zu verschmerzen. Sie interessierten sich nicht für die Aufklärung, sondern sorgten für schnellen Ersatz. Der Strafverfolgung tat das keinen Abbruch, da kannte Ulrike Weide, die zuständige Staatsanwältin, keine Nachsicht. Wallenstein jedoch wusste, wie schwer es war, gegen die hoch spezialisierten Banden einen Ermittlungserfolg zu erzielen. Bis der Verlust des Wagens bemerkt wurde, war er entweder schon in seine Einzelteile zerlegt, umlackiert oder auf dem Weg nach Osteuropa.
»Wo bleibst du, Chef?«, rief Wallensteins bester Freund Arne und winkte mit seinem gestreiften Badetuch. »Wir haben nicht ewig Zeit. Ausziehen, rein ins Wasser, Staub abwaschen und sofort wieder raus. Ich will Helga nicht warten lassen. Wenn sie kocht, mag sie das gar nicht.«
So viel zur Frage, wer hier der Chef war. Für Helga, die Liebe seines Lebens, würde Arne alles tun. Er las ihr sprichwörtlich jeden Wunsch von den Augen ab. Sie zum Lachen zu bringen, war seine neue Lebensaufgabe.
Wallenstein legte das Schneckenhaus zurück. Vielleicht würde es einem anderen Tier als Heimat dienen, wenn er schon selbst keine hatte. Seit Arne nach nur einer Urlaubswoche in Madlfing den Polizeidienst quittiert und die örtliche Gaststätte gepachtet hatte, den renovierungsbedürftigen Lindenwirt, schlief Wallenstein dort in einem spartanisch möblierten Gästezimmer. Wohnen konnte man es nicht nennen. Zwei Stockbetten mit durchgelegenen Matratzen, ein Stuhl, vier Wandhaken und ein Waschbecken mit kaputtem Spiegel. Wenigstens waren die alten Vorhänge und die Wolldecken frisch gewaschen