1. Kapitel
Molly
Sollte es je dazu kommen, dass Sie eine Veranstaltung mit einem weißen Partyzelt ausrichten, können Sie sicher sein, dass ich, Molly Marks, mit Bedauern absagen werde.
Wenn Ihr Zelt mit exotischen Blumen geschmückt ist, mit Tausenden von Lichterketten und geprägten Tischkarten aus Leinen, wenn es eine Tanzfläche gibt, eine Hochzeitskapelle und ein Podium für Trinksprüche, seien Sie versichert, dass ich durch Abwesenheit glänzen werde, um Ihnen, liebe Freundin, aus Hunderten von Meilen Entfernung zuzuprosten.
Das ist nicht persönlich gemeint. Ich bin sicher, Sie sind eine ganz wundervolle Gastgeberin.
Aber das weiße Partyzelt als Symbol der öffentlichen Zurschaustellung von Gefühlen und Sentimentalität ist mir zuwider. Wenn ich schon Gefühle bekunden muss – igitt –, dann zu Hause im Dunkeln bei heruntergelassenen Jalousien, in einem mit Krümeln und Sauvignon Blanc bekleckerten Bademantel.
Sie werden also verstehen, warum ich in dieser schwülen Nacht auf dieser sternenschimmernden Insel, die für ihre champagnerfarbenen Strände berühmt ist, den Enthusiasmus einer Frau verspüre, die auf Stöckelschuhen zum Schafott humpelt.
Denn im perlmuttfarbenen Schein des Florida-Vollmonds nähert sich uns der hungrige Schlund eines weißen Zeltes von der Größe eines Kreuzfahrtschiffes.
Ein Banner, geschmückt mit künstlicher Bougainvillea und violett und rosa blinkenden Lichtern, verkündet in jubelnder Schrift:
Willkommen zu Eurem 15. Klassentreffen,
Palm Bay Jahrgang 2003!!!
Drei Ausrufezeichen. Krank.
Ich gebe zu, dass man die Atmosphäre, die mich unter dem wogenden Zeltdach empfängt, unter den richtigen Umständen – wenn ich zum Beispiel ein anderer Mensch wäre – als verträumt bezeichnen könnte.
Immerhin riecht die Luft nach Jasmin, Orangenblüten und der salzigen Brise, die vom Golf von Mexiko herüberweht. Petroleumfackeln tauchen die Tanzfläche in flackerndes Licht. Es gibt eine Champagnerbar und ein Hummerbüfett. Sorgfältig gekleidete Männer und Frauen umarmen sich mit aufrichtiger Freude. Auf ein paar Gesichtern entdecke ich sogar Tränen.
Ich lege eine Hand an den Hals, um meinen flatternden Puls zu fühlen. Es war ein Fehler, im Hotel keine Xanax zu nehmen. Vielleicht kann ich mich in einem Rettungsschwimmerhäuschen verstecken.
»Ich kann das nicht«, flüstere ich meiner besten Freundin Dezzie zu, die mich heute Abend zusammen mit ihrem Mann Rob begleitet.
Sie drückt meine Hand, viel zu fest – eine Geste, die mich entweder beruhigen soll oder zur Räson bringen.
»Duschaffst das«, flüstert sie zurück.
»Da sieht man, dass meine Frau auf einer ekligen Privatschule in Florida war«, bemerkt Rob, ungerührt davon, dass meine Nerven blank liegen. »Ihr fünfzehnjähriges Klassentreffen sieht aus wie eine Hochzeit am Strand.«
»Ehrlich gesagt ist das hier zehnmal schöner als unsere Hochzeit«, sagt Dezzie und zieht mich an einem Tisch mit Goodie Bags vorbei, aus denen glitzernde Flip-Flops und Insektenspray quellen. Wir halten inne, um die Tischdekoration aus Ananas, Orchideen und Strasspalmen auf uns wirken zu lassen.
»So ist das eben, wenn man einen verarmten Sozialarbeiter heiratet«, sagt Rob. »Vielleicht können wir das Klassentreffen nutzen, um unser Eheversprechen zu erneuern.«
»Wenn es etwas Schlimmeres gibt als ein Klassentreffen«, sage ich grimmig, »dann ein Klassentreffen mit Eheversprechen. Außerdem ist es ungeschriebenes Gesetz, dass sich jedes Paar, da