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EIN SCHLECHTES ZEICHEN
Siebenundvierzig Jahre bevor die Bauarbeiter das Skelett in dem alten Bauernbrunnen auf dem Chicken Hill entdeckten, hatte ein jüdischer Theatermanager namens Moshe Ludlow in Pottstown, Pennsylvania, eine Erleuchtung.
Moshe hatte diese Erleuchtung an einem Montagmorgen im Februar, als er, nach einem einmaligen Auftritt von Chick Webb, sein All-American Dance Hall & Theater in der Main Street sauber machte. Webb und seine fulminante zwölfköpfige Band hatten den größten Musical-Abend hingelegt, den Moshe je erlebt hatte, ausgenommen nur das eine Mal vor zwei Monaten, als es ihm gelungen war, Mickey Katz, das brillante, aber launische Klezmer-Genie aus Cleveland, zu holen, um sein All-American Dance Hall & Theater ein komplettes Wochenende mit jüdischem Spaß für die ganze Familie zu füllen. Also,das war eine Sache. Katz, das Wunderkind an der Klarinette, und sein neu geformtes siebenköpfiges Ensemble trotzten einem wilden Dezemberschneesturm in den östlichen Bergen Pennsylvanias, um es zu ihrem Auftritt zu schaffen, und Gott sei Dank taten sie das, denn Moshe zählte zweihundertneunundvierzig jüdische Schuhverkäufer, Ladenbesitzer, Schneider, Schmiede, Eisenbahnmaler, Feinkostladenbesitzer und ihre Frauen aus unterschiedlichen Staaten, einschließlich Upstate New York und Maine, die zu dem Konzert kamen. Es waren sogar vier Paare aus Tennessee da, die drei Tage lang durch die Blue Ridge Mountains gefahren waren, sich von Käse und Eiern ernährt und aufs Koscher-Sein am Sabbat verzichtet hatten, um mit ihren Judenfreunden zusammen zu sein – und das auch noch direkt vor Chanukka, zu dem sie für acht Tage alle zu Hause sein und Kerzen entzünden sollten. Gar nicht zu reden von einem der Ehemänner, der ein Fanatiker war und glaubte, der Fastentag Tisha B’Av, der normalerweise im Juli oder August begangen wurde, sollte zweimal und nicht nur einmal im Jahr gefeiert werden, was bedeutete, im Dezember im Haus zu bleiben, zu hungern, die Wände drei Wochen lang mit Blumenbildern zu bedecken und so dem Schöpfer für seine Großzügigkeit zu danken, den Juden Osteuropas dabei zu helfen, vor den Pogromen in den relativen Frieden und Wohlstand des gelobten Landes Amerika zu fliehen. Dank ihm, dem fanatischen Ehemann, und dem Wetter waren alle vier Paare überaus mies gelaunt, als sie ankamen. Sie hatten sich in zwei uralte Packards gezwängt, einer war ohne Heizung, und durch den wilden Schneesturm gekämpft. Und als sie hörten, dass noch mehr Schnee kommen sollte, verkündeten sie, sie wollten gleich wieder fahren, doch Moshe redete es ihnen aus. Das war seine Gabe. Moshe konnte dem Teufel die Hörner vom Kopf reden. »Wie oft im Leben hat man die Chance, ein junges Genie zu hören?«, sagte er. »Es wird das größte Erlebnis eures Lebens sein.« Er brachte sie in sein winziges Zimmer in einem Wohnheim auf dem Chicken Hill, einem Viertel mit wackligen Häusern und unbefestigten Straßen, in dem die Schwarzen, die Juden und eingewanderten Weißen der Stadt wohnten, die sich nichts Besseres leisten konnten, setzte sie vor seinen bullernden Holzofen, füllte sie mit warmem Eistee und gefilte Fisch und heiterte sie mit der Geschichte seiner rumänischen Großmutter auf, die aus dem Fenster gesprungen war, um der Ehe mit einem Haskala-Juden zu entgehen – nur um auf einem chassidischen Rabbi aus Österreich zu landen.
»Sie stieß ihn in den Dreck«, rief er, »und als er aufblickte, las sie ihm aus der Hand. Also haben sie geheiratet.«
Das zauberte ihnen ein Schmunzeln und Kichern ins Gesicht, wussten doch alle, dass die Rumänen verrückt waren. Ihr Lachen in den Ohren eilte Moshe zurück zur Menge draußen im Schnee, die nervös darauf wartete, dass sich die Theatertüren öffneten.
Als Moshe über die vermatschten Straßen Chicken Hills zu seinem Theater in der Main Street ging und sah, dass die Schlange, die sich eine Stunde zuvor gebildet hatte, zu einer Menge von fast dreihundert Leuten angewachsen war, sank ihm der Mut. Zudem wurde er informiert, Katz, das launische Genie, sei angekommen und im Theater, aber äußerst schlechter Stimmung, nachdem er sich durch den sch