: Matthias Horx
: Der Zauber der Zukunft Wie wir die Welt verändern
: Goldmann
: 9783641315610
: 1
: CHF 14.40
:
: Gesellschaft
: German
: 400
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Auf dem Weg in ein menschliches Morgen
Als Chronist und Wanderer zwischen den Welten von Politik, Business und Publizistik legt Matthias Horx in seinem neuen Buch eine außergewöhnliche Lebens- und Arbeitsbilanz vor: Von der Mondlandung bis in die Jetztzeit, die von Pandemien, Krieg und Polarisierungen geprägt ist, in dem die Welt rückwärts zu laufen und Zukunft undenkbar zu sein scheint.

Auf dieser Reise überprüft Matthias Horx seine Prämissen und fragt sich, welche Kräfte und Dynamiken den Zukunftsprozess steuern. Kehrt das Böse und Schlechte immer wieder? Gibt es überhaupt Fortschritt? Ist die menschliche Zivilisation zum Scheitern verurteilt? Und er prägt einen neuenHumanistischen Futurismus, der sich an die Seite deshomo prospectus, des nach vorne schauenden Menschen stellt. Zukunft wird als geistige Dimension interpretiert, die zum Wesen des Menschen gehört. Dieser kann zwar irren und zweifeln, aber gerade daraus entwickeln sich jene erstaunlichen evolutionären Fähigkeiten, die unsere Spezies in die Zukunft bringt. Ein Must-read für alle Zukunftsoptimisten!

Schon als technikbegeisterter Junge in den 1960er Jahren interessierte sichMatthias Horxfür die Geheimnisse der Zukunft. Nach einer Laufbahn als Journalist und Publizist entwickelte er sich zum einflussreichsten Trend- und Zukunftsforscher des deutschsprachigen Raums. Er veröffentlichte mehr als 20 Bücher und gründete mehrere Zukunftsforschungs-Unternehme , jüngst das 'Future Project', ein Netzwerk für Vordenker. Als überzeugter Europäer pendelt er zwischen Irland, Frankfurt und Wien, wo er mit seiner Familie das Future Evolution House bewohnt. Mit seiner Frau Oona und den Kindern Tristan und Julian arbeitet er an der Zukunftsforschung der nächsten Generation.

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DIE WILDEN JAHRE

Wie wir in den rebellischen Zeiten alles wollten und tatsächlich vieles bekamen (1973–1990)

Ich bin ein Boomer, Okay. Allerdings ein Boomer der speziellen Sorte.

Am Morgen nach meinem achtzehnten Geburtstag zog ich aus der elterlichen Wohnung aus, mitten hinein in das Univiertel der Großstadt. Vier Umzugskartons, die Bücherkisten, die mattschwarze Stereoanlage, meine Kinderzimmermatratze. Alles passte in denVW Käfer eines Freundes, der schon einen Führerschein hatte. Ich zog direkt in eine studentischeWG, zwei Männer, zwei Frauen, dazu zwei rheumatische Kater. Vierter Stock in einem unrenovierten Mietshaus, in dessen Treppenhaus es nach Schimmel und Bohnerwachs roch. Die Miete war günstig und aus den Boxen dröhnte der Sound desGroßen Aufbruchs.

Es begannen die wilden Jahre. Die wunderbaren Sponti-Jahre.

Die Zukunft warJETZT. Eine ungeheure Energie lag in der Luft. Die Energie von Aufruhr und Musik. Von Rebellion und Veränderung. Von alles wird anders, und zwar sofort!

Rebellische Rituale

Unser wöchentliches Ritual war die Demo. Sie fand so ziemlich jeden Samstagvormittag statt, und es war nicht ganz so wichtig, worum es eigentlich ging – Weltrevolution, Fahrpreiserhöhung, Umweltsauerei, Vietnam oder Aufstand in Nicaragua.

In den ersten Reihen marschierten die »Genossen«, die Traditionslinken, mit ihren sauber auf Spruchbänder gemalten Forderungsparolen. Irgendwas mitWEGMIT oderNIEDERMIT! – Imperialismus. Kapitalismus. Unterdrückung. Repression. Dahinter die Blöcke der verschiedenen marxistischen Gruppen in sauberen Zehnerreihen. Anfang der Siebziger gab es an meiner Universität mindestens zwanzig stramme Kaderorganisationen, kommunistische Sekten wieKPD,KBW,DKP,KPD/ML/, Trotzkisten in vier Varianten, Aufbau-ML,ML/XX …

Wir amüsierten uns etwas über die Kürzel und die strengen Genossen in Lederjacken und Kurzhaarschnitt, die jeden Abend mit abgewetzten Lederaktentaschen in die Marx-Schulung trotteten. Dabei erinnerten sie uns irgendwie an unsere Väter auf dem Weg ins Büro.

Mit einigem Abstand folgtenwir. Der Schwarm. Die Langhaarigen. Die Antiautoritären. Die Undogmatischen. Die »Chaoten«, wie uns damals auch die Kommunisten nannten, deren Angebote einer durchkontrollierten Gesellschaft uns eher unattraktiv erschienen.

Wir, das waren die Träumer, Tänzer und Therapiebedürftigen. Die Zauberer und Zauberinnen mit den Trommeln und der »Indianerbemalung«. Meistens hatten wir Kinder dabei, auf der Schulter oder in Bollerwagen mit fröhlichen Blumenklecksen, dazu Clowns mit Ziehharmonika und Einrad. Wir hatten den größten Block, der allerdings immer etwas unordentlich ausfranste in die Nebenstraßen hinein, in die Parks und Cafés.

Wir zogen vorbei an den Spießern auf den Balkonen, mit der Aufforderung herunterzukommen und sich einzureihen. Manchmal brüllten sie etwas. »Geht nach Drüben!« Oder: »Früher hätte man euch ins Arbeitslager gesteckt!« Oder noch Schlimmeres. Etwas mit »KZ« oder »Vergasen«.

Wir waren die Spontis. Ein loser Haufen