3. Kapitel
Aarhus, Dänemark
Der Wecker schrillte um sechs Uhr dreißig. Bjarne Andresen tastete nach seinem Smartphone auf dem Nachttisch, bekam es schließlich zu fassen, doch es rutschte ihm aus der Hand und landete mit einem lauten Knall auf dem Dielenboden.
Neben ihm murmelte Johanne etwas im Halbschlaf. Sie hatte gestern am späten Abend noch einen Anruf bekommen. Ein Gemeindemitglied war plötzlich verstorben, ein Autounfall mit Todesfolge, und man hatte sie zu den Hinterbliebenen gerufen. Erst gegen drei Uhr morgens war sie schließlich zu ihm unter die Bettdecke geschlüpft.
Jetzt richtete sie sich halb auf, rieb sich schlaftrunken die Augen und machte Anstalten aufzustehen. Ihre blonden Locken standen in sämtliche Himmelsrichtungen ab.
»Bleib liegen, Schatz«, sagte Bjarne, während er mit einer Hand nach seinem Smartphone angelte und es schließlich fest mit den Fingern umschloss. »Ich kümmere mich heute früh um die Kinder.« Da er und Johanne wieder arbeiten mussten, verbrachten die Jungs den letzten Ferientag bei seinen Schwiegereltern. Er musste sie nur hinbringen.
»Echt?«, murmelte sie schlaftrunken. »Du musst doch auch zur Arbeit.«
»Nur weil ich ausnahmsweise eine halbe Stunde später komme, bricht nicht gleich die Abteilung zusammen«, erklärte er mit einem Schmunzeln. »Leg dich wieder hin.«
Johanne sank zurück in die Kissen und schien bereits im nächsten Moment wieder einzuschlafen.
Bjarne schob die Bettdecke beiseite und verließ leise das Schlafzimmer. Nach dem Toilettengang sprang er kurz unter die Dusche, erledigte anschließend seine Morgenroutine und nahm noch seine Tabletten, ehe er die Zwillinge weckte. Magnus und Bjørn waren sieben, zwei Wildfänge, die seine Nerven mit ihren ständigen Streitereien häufig strapazierten und zugleich das größte Glück seines Lebens waren. Zusammen mit Johanne. Hätte ihm jemand vor zehn Jahren gesagt, dass er mit Anfang fünfzig tatsächlich heiraten und Vater werden würde, hätte er die Person für verrückt erklärt. Noch immer haderte er damit, ob er dieses Glück tatsächlich verdiente.
Die blauen Vorhänge im Kinderzimmer waren zugezogen. Durch einen schmalen Spalt blinzelte das Licht der Straßenlaternen und malte geisterhafte Schatten an die Wand. Auf dem Boden herrschte heilloses Chaos. Kreuz und quer verteilten sich Legosteine und Superheldenfiguren zwischen Metallrennautos und Transformers.
»Hej, Jungs«, weckte er die Zwillinge mit sanfter Stimme.
»Papa?«, Magnus blinzelte. »Wo ist Mama?«
»Die Mama lassen wir heute mal ausschlafen. Sie hat die halbe Nacht gearbeitet.«
Bjørn, dessen Bett auf der gegenüberliegenden Wandseite stand und der bislang nur ein unwilliges Brummen von sich gegeben hatte, setzte sich auf. »Ist jemand tot?« Er klang schlagartig hellwach.
»Ja, leider.« Bjarne nickte bedächtig. »Es gab gestern einen Autounfall, bei dem jemand gestorben ist. Aber für euch geht es heute trotzdem zu Oma und Opa.« Er bemühte sich um einen strengeren Tonfall. »Also ab ins Bad, putzt euch die Zähne und zieht euch an. Ich machte in der Zwischenzeit Frühstück.«
»Ich möchte ein Brot mit Schokolade«, krähte Magnus.
»Ich auch«, stimmte sein Bruder mit ein.
»Wollt ihr etwa, dass ich Ärger mit eurer Mutter bekomme?« Bjarne schüttelte energisch