Prolog
Mai 1888
Schokolade! Das sanft-bittere Aroma von Kakao war unter einer wunderbaren Süße deutlich zu schmecken. Obwohl das braune Stückchen beim Abbeißen geknackt hatte, wirkte die Masse jetzt während des Kauens leicht sahnig und zerging förmlich im Mund.
»Das ist sooo lecker«, schwärmte Clara Göttle überwältigt.
Das zehnjährige Mädle öffnete ihre Augen und sah in das freundlich lächelnde Gesicht des gepflegt wirkenden Wanderers, der vorhin im Gasthof ihrer Eltern zum Mittagessen eingekehrt war. Clara hatte ihm einen von ihrer Mutter Louise zubereiteten Zwiebelrostbraten aus der Küche in die Wirtsstube gebracht, dann war sie von dem gesprächigen Herrn in ein Schwätzle verwickelt worden. Der schlanke Vollbartträger mit den gutmütigen Augen mochte etwa dreißig Jahre alt sein und hatte sich ihr bei seinem Eintreffen sogar mit Namen vorgestellt, das taten hier die wenigsten Gäste. Hugo Gerstmann hieß er und roch wunderbar angenehm, es musste ein Rasierwasser sein oder edle Seife. So etwas fiel auf dem Göttle-Hof, wo es oft nach Dung stank, sofort auf. Derart gut dufteten die Menschen hier in Tomerdingen eher sonntags für den Kirchgang und bei größeren Festen. Herr Gerstmann war Süßwarenfabrikant aus dem fernen Leipzig, was Clara unglaublich aufregend fand.
Vom dortigenCafé français hatte er ihr erzählt – und dass man darin schon seit fünfzig Jahren bei einer Tasse heißer Schokolade plaudern konnte. In Frankreich, Italien und Spanien sei das sogar schon länger Mode. Schokolade zum Trinken – wie wunderbar das schmecken musste!
Es hatte ihn ins kleine Tomerdingen verschlagen, weil er unterwegs zur sagenumwobenen Blautopf-Quelle in Blaubeuren war. Deren Wasser leuchtete bei Sonnenschein in auffälligem Blaugrün – das wusste Clara von einem Ausflug mit ihrem Lieblingsonkel Franz. Herr Gerstmanns Reise war nicht ungewöhnlich, viele der Wanderer, die hier bei der Familie Göttle im Wirtshaus Lamm einkehrten, hatten dasselbe Ziel. Doch es war noch nie einer dabei gewesen, der Clara Schokolade zum Probieren gegeben hatte. Sie war heute zum ersten Mal in den Genuss dieser Köstlichkeit gekommen, da würde sie ihren Geschwistern nachher was zu erzählen haben!
»Sie stellen etwas ganz Wunderbares her, Herr Gerstmann«, schwärmte das Mädchen.
Von draußen war neben dem allgegenwärtigen Gebimmel der Kuhglocken und dem gelegentlichen Muhen indes leichtes Donnergrollen zu hören. Clara sah aus dem Fenster und bemerkte, dass eine bedrohlich düstere Wolkenwand heranzog. Hoffentlich würde dieser freundliche Gast nachher nicht im ersten Gewitter des Jahres nass werden, dachte die Landwirtstochter.
»Vielen Dank, Fräulein Göttle.«
Das Mädchen kicherte über Herrn Gerstmanns Anrede. Er schien gern Scherze zu machen, das mochte sie. Der Fabrikant nahm einen Schluck von seinem Bier, das neben dem fast leer gegessenen Teller auf dem Holztisch stand. Da es wegen des heranziehenden Unwetters ganz dunkel in der Gaststube geworden war, entzündete Clara eine Petroleumlampe für ihn.
In diesem Augenblick warf jedoch ein Blitz von draußen gleißendes Licht in den Raum, unmittelbar danach krachte der Donner, und zwar so erschreckend laut, als bräche ein Baumstamm entzwei.
»Oh, das ist jetzt ganz nah, es …«, setzte der Fabrikant zu kommentieren an, als polternd die Haustür aufgestoßen wurde. Von der Diele aus traten daraufhin zwei Gestalten auf die Schwelle der Gaststube – durch einen weiteren grellen Blitz beleuchtet. Die eine war recht klein, die andere etwas höher gewachsen. Im Schein der Petroleumlampe konnte Clara eine schlanke Frau mit einem etwa fünfjährigen Mädchen erkennen. Die Dame mochte Mitte zwanzig sein, und ihre edle Kleidung ließ auf eine eher städtische Herkunft schließen.
»Guten Tag«, sagte sie und sah sich kurz um.
Ihr Blick blieb interessiert an Herrn Gerstmann hängen, der die junge Frau anstrahlte wie Claras kleine Geschwister ein neues Spielzeug. »Auch Ihnen einen guten Tag.«
»Grüß Gott«, machte Clara auf sich aufmerksam, während die Fremde sich an den Tisch neben dem des Schokoladenherstellers setzte.
Die Wirtstochter ging zu den Neua