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Er landete am Vordereingang des Pavillons, und das nicht mit einem dumpfen Aufschlag, sondern mit solcher Anmut, dass Jai kaum etwas hörte. Trotzdem fühlte er den Windstoß seiner großen Schwingen, der die Decke aus Stoffbahnen aufbauschte und Staub aufwirbeln ließ.
Dies war der erste Drache, den er je gesehen hatte. Tatsächlich war es wahrscheinlich sogar der erste Drache, den ein Sabiner überhaupt in seinem Leben zu Gesicht bekommen hatte, auch Leonid selbst. Wenn die Geschichten zutrafen, musste dieser einer der letzten seiner Art sein.
Zuerst sah er nur dessen Gestalt, umgeben von einem Dunst aus Staub, den das Wesen selbst hervorgerufen hatte. Man erkannte einen schlangenartigen Hals und träge Schwingen, die sich wie ein Umhang an seinem Rücken falteten. Einen Schwanz, der sich unter ihm zusammenrollte, in dem engen Raum zwischen den hinteren Rängen der Legion und der Plattform des Zelts. Der Drache war von seiner Nase bis zum Schwanz so groß wie drei Schlachtrösser.
Jai nahm seinen Farbton in sich auf. Die smaragdenen Schuppen, die wie eine polierte Rüstung glänzten, waren glatt, bis auf die Reihe von Zacken, mit denen sein Rücken bis zum Sporn an seiner Schwanzspitze besetzt war. Und dann vervollständigte den Anblick noch ein gehörnter Schädel. Er hatte eine lange Schnauze, und an den Rändern seines Mauls, das seine Lippen wölfisch kräuselte, deuteten sich scharfe Zähne an.
Da war so viel zu verkraften, dass Jai kaum den Reiter beachtete, der rittlings auf dem Rücken des Tieres saß. Erst als er auf die Plattform des Zelts sprang, riss er seinen Blick von dem Drachen los.
Die Gestalt wirkte geschmeidig und war in ein weißes Gewand aus Musselin gekleidet, das sich an ihre Beine schmiegte, während sie näher an die Throne heranschritt. Ihr Gesicht und ihr Haar waren mit einem Schleier bedeckt. Obwohl Jai aufgrund der Anmut ihrer Bewegungen vielleicht schon erraten hätte, dass der Besucher weiblich war, bestätigte es schließlich eine goldene Locke, die bis zur Taille reichte und von dem Haar herrührte, das sich hinter dem dünnen Stoff gelöst haben musste.
Mit einer juwelenbesetzten Hand strich sie die Strähne fort, während sie sich dem Thron des Kaisers näherte – dem Sitz von Constantin, dem Gesegneten. Oder von Constantin, dem Grausamen, als den ihn die meisten kannten.
Sie hielt vor den beiden Thronen des Kaisers und des Prinzen an und schwieg, während die Schreie der Schlacht im Wind dahintrieben.
Neben dem Kaiser zuckten die Hände der Wachen näher zu ihren Schwertknäufen, und ein Gemurmel erhob sich, als sie nicht niederkniete. Sogar Prinz Titus musste sich vor seinem eigenen Vater verbeugen, doch dieses Mädchen stand weiter unerschrocken aufrecht. Ganz langsam wandte sich ihr Kopf neugierig angesichts des Schauspiels der erhöhten Throne vor ihr von einem zum anderen.
»Wir bringen Euch ein Geschenk, Kaiser Constantin«, rief sie aus. Dabei erklang ihre Stimme laut und hart, mit einem Akzent, in dem Jai sofort den Tonfall der Dansken erkannte. So hieß das Volk der Nördlichen Tundra, ein Königreich, das nicht von den Sabinern erobert worden war. Offenbar hatten sie beschlossen, lieber in die Dynastie einzuheiraten, statt sie zu bekämpfen.