6. Kapitel
Es hat etwas Befreiendes, sich in einen Streifenwagen zu setzen und Einsätze zu fahren, die einander zwar ähneln, aber doch immer unterschiedlich sind. Die Sonne steht hoch am Himmel, sie selbst stehen noch auf dem Parkplatz, sehen nach oben und drehen die gräulich blasse Bürohaut in Richtung des brutalen Frühlingslichts.
Die Welt wird durch Kriege, Naturkatastrophen und Schwedendemokraten immer elender, aber für einen kurzen Moment ist das Leben herrlich.
»Los, fahren wir«, sagt Birna Guðmundurdottir. »Wetten, Faste steht schon mit dem Fernglas da und beobachtet uns?«
Faste, Hans Faste, Chef des Dezernats für Gewaltverbrechen. Wenn es nach Lisbeth Salander ginge, stünde etwas komplett anderes auf seiner Visitenkarte.
»Soll er doch. Nur noch zwei Minuten.« Jessica Harnesk zieht die Schultern nach unten und genießt die Sonnenstrahlen auf den verspannten Muskeln.
Pling. Scheiße, ihr Handyton ist noch an. Und noch malPling. Bevor sie einsteigt, kramt sie noch eine Kopfschmerztablette aus der Brusttasche und würgt sie trocken hinunter. Noch so eine Woche in diesem Drecksjob, und das war’s.
»Also, wohin?«, fragt sie, obwohl sie Fastes giftige Stimme aus der Morgenbesprechung noch im Ohr hat. Es vergeht kein Tag, an dem sie nicht darüber nachdenkt, das Handtuch zu werfen. Wenigstens sind die anderen noch da, Birna zum Beispiel, und hin und wieder womöglich auch Überlegungen in Sachen Zukunft.
Dieser Faste-Arsch muss doch irgendwann in Rente gehen. Oder unverhofft tot umfallen. Sie wird ihm nicht nachtrauern, nicht mal so tun, als ob. Das Autoradio krächzt los.
»Erst nach Svartluten«, sagt Birna und tippt auf ihr Handydisplay. »Virkesvägen 7b. Ein gewisser Ivar Eriksson hat bei seinen Nachbarn verdächtige Geräusche gehört.«
Sie ruft ihn an.
»Hallo«, meldet sie sich, als er rangeht. »Was genau ist denn passiert?«
»Nichts weiter, muss mich verhört haben.«
Birna hakt trotzdem nach, was er gehört haben will, doch darauf antwortet er nicht.
»Hallo?« Dann noch mal: »Hallo?«, doch Ivar Eriksson hat bereits aufgelegt.
Von der Industrigatan biegen sie in den Virkesvägen ab. Birna wirft Jessica einen flüchtigen Blick zu.
»Wohnt deine Mutter nicht hier irgendwo?«
»Hat sie mal, ja. Ist aber wohl umgezogen. Ich glaube, vor ein paar Jahren kam mal eine Karte mit einer neuen Adresse.«
»Wenn du willst, fahren wir nachher mal vorbei.«
»Warum sollte ich das wollen?« Sie stellen den Wagen vor der Hausnummer 7b ab. »Sollen wir dann auch gleich nach Island und deine Mutter besuchen?«
Sie sehen einander missmutig an und klingeln an Ivar Erikssons Tür. Gehen weiter zur 7a und klingeln dort ebenfalls. Na ja,gehen – sie klettern über den Schrott, der sich vor dem Haus türmt: Überreste eines Küchentischs, ein aufgeschlitzter Sessel, Kartons und anderer Müll, der auf schnellstem Wege nach draußen befördert und mit Reifen und Müllsäcken dekoriert wurde.
Im Gegensatz zur Nachbarstür, die entweder mal ausgetauscht oder zwischenzeitlich zumindest lackiert wurde, ist die Tür zur 7a noch immer die ursprüngliche. Sie setzt sich verbissen dem Wetter und Geschrei zur Wehr.
»Du Scheißhure, dich bring ich um!«, brüllt jemand, und jemand anderes antwortet: »Mach do