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Als Peter Munk zwei Tage nach seinem einundfünfzigsten Geburtstag auf der Rolltreppe des Globus zwischen der zweiten und dritten Etage einen Herzinfarkt erlitt, ergriff ihn weder Todesangst noch Verunsicherung, sondern reine Empörung. Das ist entschieden zu früh, dachte er, ganz entschieden zu früh und auch völlig der falsche Ort für so etwas.
Während er auf die Knie sank und nach Luft schnappte, dachte er weniger an die Gefahr dieser Attacke, sondern an jene, die am Ende der Rolltreppe drohte, wenn sein Schal, womöglich auch sein Mantel, unaufhaltsam in die Mechanik gezogen würden. In den wenigen Sekunden – es waren vierzehn –, die er benötigte, um auf der Treppe zu knien und zu begreifen, dass er einen Herzinfarkt erlitt, machte er sich mehr Gedanken über die betriebliche Störung, die er im Züricher Warenhaus Globus verursachte, als über jene in seinem Brustkasten. Und auch wenn Peter Munk sich diesen merkwürdigen Umstand in jenem Moment nicht klarmachte, so war genau dieses Verhalten einer der Gründe für seinen Herzinfarkt. Er besaß einfach keinen intakten Blick auf die wesentlichen Dinge des Lebens.
Später würde er oft darüber nachdenken, warum er im Augenblick dieser lebensgefährlichen Situation nicht um Hilfe rief, nicht einmal leise darum bat, sich nicht aufbäumte, keinen Ausweg aus ihr suchte, sondern lediglich fand, dass es dafür zu früh im Leben sei und ihm die Umstände leidtaten, die er dem Personal des Warenhauses sowie den Rettungssanitätern und allen Kunden bereitete, die vielleicht gerne ebenfalls in die dritte Etage des Globus gefahren wären.
Er selbst hatte dies getan, um ein Paar Handschuhe zu ersetzen, die ihm auf der Fahrt in die Schweiz am Morgen im Zug verloren gegangen waren. Vor der Rückfahrt nach einem geschäftlichen Termin nahm er die Gelegenheit wahr, in das Kaufhaus am Bahnhof zu laufen, rasch rasch, und die Handschuhe zu besorgen. Auch wenn er sicher war, dass er sie anschließend ohnehin wieder im Zug nach Freiburg liegen lassen würde. Es war nicht seine Art, Dinge zu verlieren, aber an diesem Tag war es geschehen und weil er sich seitdem in einer seltsamen Stimmung befand, schien es ihm bereits vor dem Kauf der neuen Handschuhe unausweichlich, dass er am kommenden Montag erneut günstigen Ersatz besorgen und dem Finder seiner guten, quasi ungetragenen Merola-Handschuhe ein schönes Leben wünschen würde.
Da sein Leben von solcherart Zweckpessimismus begleitet wurde, freute er sich immer sehr darüber, dass Feuerzeuge, Schlüssel, Telefone oder eben Handschuhe lange bei ihm blieben, was der Regelfall war, weil er ängstlich darauf bedacht war, dem Schicksal von Verlusten auszuweichen.
Das funktionierte hervorragend bei Dingen, nicht aber bei Menschen. Munk war mit einundfünfzig Jahren ledig und auch niemandem verbunden. Eigentlich war er allein, denn seine Eltern waren tot und seine Schwester Annegret lange ausgewandert. Australien. Weiter von ihm weg ging gar nicht. Die Geschwister gratulierten einander zum Geburtstag und wünschten ein frohes neues Jahr. Mehr Kontakt gab es nicht. Wenn sie nach Europa kam, erfuhr er das nur durch ihre Postings in sozialen Netzwerken. Sie meldete sich nicht bei ihm. Und er beschwerte sich nicht darüber. Seine einzige symbolhafte Reaktion auf ein Foto, das sie mit ihrem australischen Mann beim Zibelemärit in Bern zeigte, bestand darin, nicht darauf zu reagieren.
Peter Munk war bis vor Kurzem gerne und oft nach Zürich gekommen. Er fand, dort zu leben sei, wie in einem w