Prolog
Zehn Jahre zuvor
Das Mondlicht malte seinen glitzernden Pfad auf die Gewässer am Yachtclub von Harbor Bay. Die vierundfünfzigjährige Sarah Harrington ließ ihren Blick über die Terrasse und das Fest schweifen, ein zufriedenes Lächeln umspielte ihre Lippen. Es war Ende Mai, der Beginn des Memorial-Day-Wochenendes, und sie freute sich, die Familie für einen weiteren Sommer bei sich zu haben. Die ungewöhnliche Kühle in der Luft war vielleicht der einzige Hinweis darauf, dass der so heitere Abend eine tödliche Wendung nehmen könnte, aber Sarah war in Gedanken ganz bei ihren Kindern und wie schnell das Leben verging.
Wie war es möglich, dass ihre kleinen Jungs – die Zwillinge Simon und Ethan – schon ihren Collegeabschluss hinter sich hatten? Mit Staunen sah sie zu, wie Simon mit seiner Freundin Michelle gekonnt über die Tanzfläche wirbelte. Einige Meter weiter tanzten Ethan und seine Freundin Annabeth Hand in Hand mit Sarahs drittem Kind, der zwölfjährigen Frankie.
Eine Erinnerung blitzte auf und versetzte sie in eine lang zurückliegende Zeit, in der es ihr wie ein ferner Traum erschienen war, dass sie jemals Kinder haben sollte. Sie und Richard hatten jung geheiratet, gleich nachdem er sein Jurastudium abgeschlossen hatte. Er war damals sechsundzwanzig gewesen, sie vierundzwanzig. Sie wussten beide, dass sie Kinder wollten, hatten es aber nicht eilig damit. Er war noch ganz auf seine Karriere in Boston konzentriert, sie war angehende Künstlerin. Ihre Familie würde Zuwachs bekommen, wenn es so weit sein sollte. Sieben Jahre später war er der erfolgreiche Partner einer Kanzlei, und sie gehörte zum festen Künstlerstamm einer Galerie in Manhattan.
Sie waren mehr als bereit für Kinder. So sehr, dass sie nicht mehr warten wollten. Als die erste In-vitro-Befruchtung scheiterte, war sie so am Boden zerstört, dass Richard schon alles abbrechen wollte, um ihr weiteren Kummer zu ersparen. Pater Hogan von Saint Cecilia brachte eine Adoptionsberatung ins Gespräch, die bereits ein anderes Paar seiner Gemeinde in Anspruch genommen hatte.
Aber der zweite Versuch in der Klinik verlief erfolgreich, mehr als erfolgreich. Auf den ersten Ultraschallaufnahmen waren zwei Embryos in einer Plazenta zu erkennen. Eineiige Zwillinge. Sie kamen nicht so häufig vor wie zweieiige Zwillinge, aber die Wahrscheinlichkeit dafür wurde durch eine künstliche Befruchtung erhöht. So hatten sie mit einem Mal gleich zwei Babys. Zehn Jahre später folgte als freudige Überraschung die kleine Frances nach. Damit waren die Harringtons zu fünft, genau so, wie Sarah es sich immer gewünscht hatte.
Die Zwillinge, die stolzen und völlig vernarrten älteren Brüder, beschlossen schnell, dass ihre geliebte kleine Schwester lieber Frankie genannt werden wollte. Sarah war sich nicht sicher, ob sie das zulassen sollte. Sie argwöhnte, die Jungs verwendeten den Namen nur, weil sie sich eigentlich einen kleinen Bruder gewünscht hätten. Der Name blieb jedoch, auch wenn Frankie nie zu dem Wildfang wurde, den sich ihre Brüder vielleicht erhofft hatten. Heute trug sie ein Kleid, das sie sich selbst ausgesucht hatte, nachdem Sarah ihr erklärt hatte, dass das Fest unter dem Thema Weiß stehen würde, sprich: Alle würden in Weiß gekleidet sein. Außer auf Hochzeiten hatte Sarah noch nie ein Kleid mit so viel Tüll und Satin gesehen. Frankie jedenfalls war