PROLOG
Als Arthur Parnassus von der Fähre stieg und die Insel nach Jahrzehnten zum ersten Mal wieder betrat, glaubte er, er würde an Ort und Stelle in Flammen aufgehen. Er tat es nicht, aber es war knapp. Das Feuer in ihm brannte so heiß wie schon lange nicht mehr. Es verlangte ihn danach, aus seinem Körper auszubrechen, seine Flügel zu strecken und sich in die Lüfte zu erheben. Den vertrauten, salzigen Wind in seinem Gefieder zu spüren. Doch er wusste, wenn er diesem Wunsch nachgab, standen die Chancen gut, dass er einfach davonfliegen und diesen Ort für immer hinter sich lassen würde. Aber das ging nicht. Er war nicht ohne Grund zurückgekehrt.
Der Besitzer der Fähre, ein störrischer Kerl mit pockennarbigem Gesicht, schmutzigem Overall und dem bezaubernden Namen Merle, rief von der drei Meter höher gelegenen Reling zu ihm herunter: »Ich hoffe, Sie sind sich Ihrer Sache sicher. Sobald ich weg bin, sitzen Sie hier fest. Nach Einbruch der Dunkelheit fahre ich nicht mehr raus.«
Arthur sah den Fährmann nicht an. Er war wie hypnotisiert vom Anblick der unbefestigten Straße zu seinen Füßen. Sie führte direkt in einen Wald, der so dicht war, dass die Strahlen der mittäglichen Sonne kaum das Moos und die auf dem Boden liegenden Blätter erreichten. Das Geräusch der am weißen Strand leckenden Brandung erfüllte seine Ohren und erinnerte ihn an seine Kindheit: an die guten Zeiten und die schlechten, alles. »Danke, Merle. Ich weiß Ihre Hilfe sehr zu schätzen.« Er hob den Kopf. »Ich denke, ich komme zurecht. Sollte ich aufs Festland zurückkehren müssen, rufe ich Sie.«
»Wie? Es gibt kein Telefon auf der Insel. Keinen Strom und kein Wasser.«
»Das wird sich bald ändern. Alles Nötige dafür soll morgen um Punkt zehn angeliefert werden. Sie bringen es doch rüber, oder?«
Merle machte ein finsteres Gesicht, aber Arthur sah kurz das gierige Blitzen in seinen Augen.
»Der Preis könnte raufgehen«, meinte Merle mit einem etwas hochnäsigen Schniefen. »Treibstoff ist nicht billig, und eine einzelne Person hin und her zu …«
»Natürlich«, sagte Arthur. »Ich werde Sie angemessen für Ihre Mühen entlohnen.«
Merle blinzelte. »Nun, tja, wahrscheinlich.« Er betrachtete die beiden Koffer, die links und rechts von Arthur standen. Der eine alt, der andere neu. »Warum haben Sie überhaupt übergesetzt?«
Kaum eine Wolke am Himmel. Überall das gleiche Blau, oben wie unten. Das Ende eines langen, warmen Sommers. Andererseits war Arthur immer warm. Die salzige Luft kitzelte ihn in der Nase, und er atmete ein, bis seine Lunge randvoll davon war. »Warum nicht?«
»Diese Insel ist ein schrecklicher Ort«, antwortete Merle mit einem Schaudern. »Es soll Gespenster hier geben, hab ich gehört. Unbewohnt. Schon lange.« Er spuckte über die Reling. »Und als sie noch bewohnt war, durften wir nicht darüber reden. Alles streng geheim, wissen Sie.«
»Ich weiß«, murmelte Arthur. Dann hob er die Stimme: »Merle, Sie kennen nicht zufällig einen Mann namens Melvin?«
»Was? Woher … Das war mein Vater.«
»Dachte ich’s mir«, erwiderte Arthur. Ouroboros. Die Schlange, die ihren eigenen Schwanz verschlingt. Vielleicht war es ein Fehler. Das Dorf, von dem sie abgelegt hatten, sah von hier aus noch genauso aus wie schon vor Jahren: Gebäude in pastellfarbenen Rosa-, Gelb- und Grüntönen, Leute in Sommerkleidung, sorglos und in Sicherheit. Und warum auch nicht? Sie waren Menschen. Diese Welt war für sie gemacht.
Auch die Fähre war noch dieselbe, war nur im Lauf der Jahre ein wenig aufgemöbelt worden: ein neuer Anstrich und neue Sitze als Ersatz für die alten und kaputten. Selbst Merle passte perfekt ins Bild. Mit seinen stumpfen Augen und den nach unten gezogenen Mundwinkeln sah er fast aus wie Melvin. Alles war gleich.
Bis auf Arthur. »Ich habe ihn mal gekannt, früher.«Und dich auch, hätte er beinahe hinzugefügt und dachte an den mürrischen Teenager, der stets mit seinem Wischmopp auf der Fähre