Samstag, 23. August 2008
1
Aline wachte von einem Geräusch auf, das sich von den anderen Lauten dieser Nacht unterschied. Von dem Rauschen der heranflutenden Brandung, von dem Seufzen, mit dem sich das Wasser über den Sand wieder zurückzog. Von den vereinzelten Möwenschreien. Von dem starken Wind, der am späteren Nachmittag so heftig und kalt aufgefrischt hatte, dass sie schon gehofft hatte, Edmond werde sich überreden lassen, das Zelt in der Bucht abzubauen und ein kuscheliges, kleines Hotel aufzusuchen. Aber natürlich hatte er den Wind – sie hatte ihn als Sturm bezeichnet und er hatte milde und etwas herablassend gelächelt – als besondere Herausforderung gesehen, der er sich unbedingt stellen wolle. Für ihn war das Campen am Meer in Schottland ein echtes Abenteuer. Er kam sich wie ein Wikinger vor oder wie ein erster Siedler oder ein Entdeckungsreisender. Sie fand das Ganze weniger abenteuerlich. Es war einfach nur ungemütlich. In vielen Teilen Europas herrschte jetzt im August herrliches Sommerwetter, nicht aber an der Westküste Schottlands. Die letzten Tage hatte es ununterbrochen geregnet, sodass der Sand auch hier ganz oben in der Bucht, wohin das Meer nicht reichte, nass und schwer war. Und kalt. Die Kälte drang durch den dünnen Zeltboden, da half selbst die Isomatte nicht viel. Zum Glück waren die Schlafsäcke sehr warm. Aber auch sie fühlten sich irgendwie klamm an. So wie alles, was sie im Zelt untergebracht hatten.
Sie war so froh gewesen, dass sie trotzdem hatte einschlafen können, aber nun richtete sie sich auf und lauschte hinaus in die Nacht. Was war das eben gewesen? Sie konnte das Meer hören und den Wind. Wahrscheinlich hatte sie nur geträumt.
Sie wollte sich gerade wieder hinlegen, sich so tief wie möglich in ihrem Schlafsack vergraben, da vernahm sie es wieder. Das Geräusch, das sie mutmaßlich geweckt hatte.
Ein Schrei.
Und zwar nicht der einer Möwe oder irgendeines anderen Vogels oder überhaupt eines Tieres. Es war der Schrei eines Menschen. Einer Frau. Er gellte durch die Nacht. Es war kein Schrei der Überraschung oder des Erschreckens, oder der Schrei einer lautstarken Auseinandersetzung.
Es war Todesangst. Sie war sich ganz sicher.
»Edmond!« Sie griff zu dem Schlafsack, der neben ihr lag. Sie konnte fast nichts sehen in der Dunkelheit, aber das Zelt war so winzig, dass sie nur den Arm auszustrecken brauchte, um ihren Mann wach rütteln zu können. »Edmond, wach auf. Bitte!«
Edmond gab einen knurrenden Laut von sich. Wenn er schlief, dann schlief er. Dann konnte die Welt untergehen. Er war kaum wach zu kriegen.
Sie rüttelte an seinen Schultern. »Bitte! Wach doch auf!«
Erst als sie ihre Fingernägel zu Hilfe nahm, fuhr er hoch.
»Was ist denn?«, fragte er verwirrt und setzte gleich darauf hinzu: »Warum weckst du mich mitten in der Nacht?«
Sie konnte nur seine Umrisse erahnen, aber sie wusste genau, wie er aussah. Wie seine lockigen blonden Haare in alle Himmelsrichtungen vom Kopf abstanden. Wie er die Augen schlaftrunken zusammenkniff. Sie wusste, wie viel Wärme er ausstrahlte. Edmond wurde im Schlaf zu einem Backofen.
»Ich habe einen Schrei gehört«, sagte sie.
»Einen Schrei?«
»Ja. Er kam, glaube ich, aus der anderen Bucht. Von einer Frau.«
Sie hörte ihn gähnen. »Von einer Frau?« Er sagte das in einem Tonfall, der eigentlich ausdrückte:Aber sonst geht es dir noch gut?
»Ich bin ganz sicher. Zweimal habe ich es gehört. Es waren Angstschreie.«
»Aha. Das kannst du erkennen?«
»Ja.«
»Oh Gott, Aline. Hier schreien Möwen. Leg dich hin und schlaf wieder.