Was Schmerz ist – und
was er mit uns macht
Es geht um Schmerzen. Es geht um Ihre Schmerzen. Fast jeder von uns hat im Laufe seines Lebens Rückenschmerzen, Gelenkschmerzen, Schulterschmerzen, Knieschmerzen, Bandscheibenprobleme und so weiter. Viele von Ihnen kennen das. Und suchen verzweifelt Hilfe: Osteopathen, Physiotherapeuten leben von Ihnen, auch von mir … Aber wirklich geheilt werden? Welcher Schmerzpatient erlebt das schon? Irgendetwas im System stimmt nicht. Mit der Schmerzmedizin stimmt etwas nicht.
Der Daumen unterm Hammer, der Stein im Schuh, der verschüttete heiße Kaffee auf der Brust, von diesem Schmerz rede ich nicht. Damit kommt man klar. Das ist Alltag. Akute Schmerzen sind lästig, aber oft nicht tragisch. Tragisch ist, dass jeder Fünfte drei Monate oder länger unter Schmerzen leidet. Rücken, Kopf, Nacken, Bauch, Gelenke. Schmerzen, die sich kaum lokalisieren lassen, die sich verselbstständigt haben. Wir wissen, dass in Deutschland zwölf bis 15 Millionen Menschen chronische Schmerzen haben, dass vier bis fünf Millionen deswegen kein normales Leben mehr führen können.[2] Chronische Schmerzen sind die Hölle.
Das hält den Menschen aber nicht davon ab, Dinge zu tun, von denen er vorher weiß, dass sie ohne Schmerzen nicht zu haben sind. Die er trotzdem tut. Weil es sich lohnt:
Der 100-Kilometer-Lauf von Biel hat die merkwürdige Eigenschaft, dass Realität und Traum nicht mehr zu trennen sind. Hochgefühl. Der Glaube, jetzt noch 90 Kilometer leicht dahinhüpfen zu können und hier am Anfang im kindlichen Überschwang zu fliegen. Unvergesslich. Dann … hügelige Straßen, Anstiege in den Wald. Und plötzlich, und das dann für den gesamten Lauf, grausige Muskelschmerzen. Ober- und Unterschenkel. Noch nie gehabt. Jeder Schritt wird zur Qual. Kein Mensch kann das durchhalten … Die Quittung für offenbar beleidigte Muskelzellen bei zu vielen Wettkämpfen, zu viel Training kurz vor dem Start. Jede Erfahrung macht man eben einmal zum ersten Mal …
Nein, ich habe mich damals in Biel nicht von der Strecke abbringen lassen. Stattdessen bin ich wie mein eigener Arzt und Trainer quasi »mit mir mitgelaufen« und habe meinen Körper beobachtet. Wie viel Wasser braucht der eigentlich, damit er sich nicht mit Magenkrämpfen im nächsten Gebüsch zusammenkrümmt? (Spoiler: Mehr, als ich vermutet hatte.) Was passiert, wenn diese Beine eben nicht nur einen Halbmarathon laufen, sondern die doppelte Distanz und dann noch mal die doppelte?
Die Versuchung, bei 80 Kilometern. Aussteigen, an einer Verpflegungsstation. Die Versuchung ist übermächtig, weil die Straße ansteigt. Und weiter steigen wird. (…) Und kurz daraufDERSCHMERZ. Ein Gefälle hinab in den Ort. Was ich nicht wusste: Muskelzellen, die übermüdet, die geschwollen, die entzündet sind nach 80 Kilometern, halten die Stoßbelastung, die Bremslast beim Bergablaufen nicht mehr aus. Will sagen: Die schon, aber Sie nicht. Unbeschreiblich.
Gute Schmerzen, schlechte Schmerzen
Nicht jeder Schmerz ist schlecht. Es gibt auch gute Schmerzen: Die Erfahrung, die eigenen Grenzen überwinden zu können; der Stolz, Kraft und Ausdauer bewiesen zu haben; das Staunen, wenn sich plötzlich so etwas wie inneres Wachstum einstellt – dafür »lohnt« es sich,