: Jan-Philipp Sendker
: Akikos stilles Glück Roman
: Karl Blessing Verlag
: 9783641227678
: 1
: CHF 13.50
:
: Erzählende Literatur
: German
: 384
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Im modernen Japan sucht eine junge Frau nach ihren Wurzeln

Die neunundzwanzigjährige Akiko lebt als Single und in selbstgewählter Einsamkeit in Tokio. Eines Abends begegnet sie zufällig Kento wieder, ihrer ersten Liebe aus Schulzeiten. Kento führt ein zurückgezogenes Leben als ein Hikikomori, der sich nur nachts auf die Straße traut. Gleichzeitig entdeckt Akiko im Nachlass ihrer Mutter eine Lebenslüge, die all ihre Gewissheiten infrage stellt. Sie muss sich eingestehen, dass sie nicht weiß, wer sie ist. Mit Kentos Hilfe begibt sich Akiko auf eine Reise zu ihrer eigenen Geschichte, die ihr Leben in unverhoffte Bahnen lenkt und sie zu den Fragen führt, die sie sich bisher nicht zu stellen wagte: Wie will ich leben? Und habe ich den Mut, jemanden zu lieben?

Jan-Philipp Sendker, geboren in Hamburg, war viele Jahre Amerika- und Asienkorrespondent desStern. Nach einem weiteren Amerika-Aufenthalt kehrte er nach Deutschland zurück. Er lebt mit seiner Familie in Potsdam. Bei Blessing erschien 2000 seine eindringliche PorträtsammlungRisse in der Großen Mauer. Nach dem Roman-BestsellerDas Herzenhören (2002) folgtenDas Flüstern der Schatten (2007),Drachenspiele (2009),Herzenstimmen (2012),Am anderen Ende der Nacht(2016),Das Geheimnis des alten Mönches(2017),Das Gedächtnis des Herzens(2019),Die Rebellin und der Dieb(2021) undAkikos stilles Glück (2024). Seine Romane sind in mehr als 35 Sprachen übersetzt. Mit weltweit über 4 Millionen verkauften Büchern ist er einer der aktuell erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren.

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Ich erkannte die Komposition nach den ersten Tönen. Chopin. Eine Nocturne. Die achte. Am Klavier saß eine unscheinbare Frau im Alter meiner Mutter. Links und rechts von ihr standen zwei prall gefüllte Einkaufstüten. Sie spielte mit geschlossenen Augen und so gut, dass schnell die ersten Passanten stehen blieben. Das Stück war eigentlich viel zu ruhig für ein öffentliches Klavier in einer lauten Einkaufspassage, gleichwohl schlug sie immer mehr Zuhörer in ihren Bann. Schon bald war kein Schritt mehr zu hören, kein Husten, kein Flüstern.

Die Frau nahm sich Zeit.

Ihr Oberkörper wiegte sich langsam im Rhythmus der Musik, ich konnte nicht glauben, wie viel diese Fremde in der Öffentlichkeit von sich preisgab, welche Töne sie dem Instrument entlockte.

Jeder einzelne versetzte mir einen Stich ins Herz.

Da, wo es am meisten wehtut. Wo sonst niemand hinkommt.

Ausgerechnet die Lieblingskomposition meiner Mutter.

Seit dem Tag ihrer Einäscherung hatte ich sie nicht mehr gehört.

Ich schluckte und biss mir auf die Lippen.

Nach dem letzten Ton ließ die Frau ihre Arme sinken und verharrte einen Moment regungslos. Um uns herum herrschte Stille. Niemand bewegte sich.

Sie öffnete die Augen, bemerkte ihr Publikum. Ein kurzes Lächeln flog über ihr Gesicht, unsicher und verlegen. Zögernd stand sie auf, griff nach ihren Einkaufstaschen und verschwand in der Menge, als wäre nichts gewesen.

Es dauerte, bis die Menschen ihrer Wege gingen. Ich blieb allein zurück.

Mein Herz pochte, als wäre ich gerannt.

»Bitte entschuldige die Verspätung.« Vor mir stand Naoko, sie war außer Atem. »Was ist mit dir? Geht es dir nicht gut?«

»Doch, warum fragst du?«

»Du zitterst!«

»Alles gut. Wahrscheinlich habe ich nur Hunger.« Was sollte ich sagen? Naoko interessierte sich nicht für Musik.

Sie hakte sich bei mir unter, und wir gingen in einIzakaya, in dem wir schon häufiger gegessen hatten. Das Essen war gut und günstig, derSake ebenfalls. Wir bestelltenEdamame, Sashimi, gegrillten, in Miso marinierten Fisch,Tamagoyaki, ein paarYakitori-Spieße und zwei große Gläser Bier.

Noch immer ging mir Chopins Melodie nicht aus dem Kopf.

»Alles in Ordnung?«, fragte Naoko noch einmal.

Ich nickte.

Nachdem der Kellner gegangen war, zog sie ein pinkfarbenes Fotoalbum aus ihrer Tasche und legte es vor mir auf den Tisch. Auf dem Cover klebte das Foto einer strahlend schönen Frau in einem weißen Brautkleid. In der Hand hielt sie einen Brautstrauß. Das Bild war von der Seite aufgenommen, die Frau hatte den Kopf leicht gedreht und lachte in die Kamera. Durch die tief stehende Sonne oder einen Scheinwerfer erstrahlte sie in einem warmen, weichen Licht. Mein Blick wanderte von dem Album zu Naoko und wieder zurück.

»Bist du das?«, entfuhr es mir.

»Wer sonst?«

Zu erstaunt, um etwas zu antworten, starrte ich auf das Bild. So schön hatte ich Naoko noch nie gesehen, wenn ich ehrlich war, überraschte es mich, dass sie überhaupt so schön aussehen konnte. Nicht, dass sie eine hässliche, unscheinbare Frau gewesen wäre, überhaupt nicht. Naoko war einen halben Kopf kleiner als ich, etwas stämmig, mit großen Brüsten und kräftigen Oberarmen und Beinen, ohne dabei plump oder dick zu wirken. Sie hatte ein rundes, etwas flaches Gesicht