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Ich erkannte die Komposition nach den ersten Tönen. Chopin. Eine Nocturne. Die achte. Am Klavier saß eine unscheinbare Frau im Alter meiner Mutter. Links und rechts von ihr standen zwei prall gefüllte Einkaufstüten. Sie spielte mit geschlossenen Augen und so gut, dass schnell die ersten Passanten stehen blieben. Das Stück war eigentlich viel zu ruhig für ein öffentliches Klavier in einer lauten Einkaufspassage, gleichwohl schlug sie immer mehr Zuhörer in ihren Bann. Schon bald war kein Schritt mehr zu hören, kein Husten, kein Flüstern.
Die Frau nahm sich Zeit.
Ihr Oberkörper wiegte sich langsam im Rhythmus der Musik, ich konnte nicht glauben, wie viel diese Fremde in der Öffentlichkeit von sich preisgab, welche Töne sie dem Instrument entlockte.
Jeder einzelne versetzte mir einen Stich ins Herz.
Da, wo es am meisten wehtut. Wo sonst niemand hinkommt.
Ausgerechnet die Lieblingskomposition meiner Mutter.
Seit dem Tag ihrer Einäscherung hatte ich sie nicht mehr gehört.
Ich schluckte und biss mir auf die Lippen.
Nach dem letzten Ton ließ die Frau ihre Arme sinken und verharrte einen Moment regungslos. Um uns herum herrschte Stille. Niemand bewegte sich.
Sie öffnete die Augen, bemerkte ihr Publikum. Ein kurzes Lächeln flog über ihr Gesicht, unsicher und verlegen. Zögernd stand sie auf, griff nach ihren Einkaufstaschen und verschwand in der Menge, als wäre nichts gewesen.
Es dauerte, bis die Menschen ihrer Wege gingen. Ich blieb allein zurück.
Mein Herz pochte, als wäre ich gerannt.
»Bitte entschuldige die Verspätung.« Vor mir stand Naoko, sie war außer Atem. »Was ist mit dir? Geht es dir nicht gut?«
»Doch, warum fragst du?«
»Du zitterst!«
»Alles gut. Wahrscheinlich habe ich nur Hunger.« Was sollte ich sagen? Naoko interessierte sich nicht für Musik.
Sie hakte sich bei mir unter, und wir gingen in einIzakaya, in dem wir schon häufiger gegessen hatten. Das Essen war gut und günstig, derSake ebenfalls. Wir bestelltenEdamame, Sashimi, gegrillten, in Miso marinierten Fisch,Tamagoyaki, ein paarYakitori-Spieße und zwei große Gläser Bier.
Noch immer ging mir Chopins Melodie nicht aus dem Kopf.
»Alles in Ordnung?«, fragte Naoko noch einmal.
Ich nickte.
Nachdem der Kellner gegangen war, zog sie ein pinkfarbenes Fotoalbum aus ihrer Tasche und legte es vor mir auf den Tisch. Auf dem Cover klebte das Foto einer strahlend schönen Frau in einem weißen Brautkleid. In der Hand hielt sie einen Brautstrauß. Das Bild war von der Seite aufgenommen, die Frau hatte den Kopf leicht gedreht und lachte in die Kamera. Durch die tief stehende Sonne oder einen Scheinwerfer erstrahlte sie in einem warmen, weichen Licht. Mein Blick wanderte von dem Album zu Naoko und wieder zurück.
»Bist du das?«, entfuhr es mir.
»Wer sonst?«
Zu erstaunt, um etwas zu antworten, starrte ich auf das Bild. So schön hatte ich Naoko noch nie gesehen, wenn ich ehrlich war, überraschte es mich, dass sie überhaupt so schön aussehen konnte. Nicht, dass sie eine hässliche, unscheinbare Frau gewesen wäre, überhaupt nicht. Naoko war einen halben Kopf kleiner als ich, etwas stämmig, mit großen Brüsten und kräftigen Oberarmen und Beinen, ohne dabei plump oder dick zu wirken. Sie hatte ein rundes, etwas flaches Gesicht