Kapitel 1
Das ganze Grauen
In dem Salo Oppenheimer auf einen Felsbrocken trifft
Mom hatte eine Art, immer gleich auszuweichen, wenn jemand fragte, wie sie und unser Vater sich kennengelernt hatten. Meist sagte sie, es sei bei einer Hochzeit in Oak Bluffs gewesen, zu der sie von dem Bruder des Bräutigams mitgenommen worden sei, und unter den Gästen habe sich ihr zukünftiger Ehemann befunden, als Trauzeuge für seinen Bundesbruder aus der Studentenverbindung. Beides stimmte zwar einerseits, war andererseits aber glatt gelogen. Denn unsere Eltern hatten sich vorher schon einmal getroffen, unter wirklich schaurigen Umständen, weswegen wir alle einsahen, dass es unserer Mutter einfach nicht möglich war, ehrlich zu antworten. Im Grunde ist es eine ganz harmlose Frage –Wo habt ihr beide euch eigentlich kennengelernt? –, auf die eine unverfängliche Antwort folgt, die den Auftakt bildet für ein Leben in Zweisamkeit mit all seinen Folgen, inklusive Nachwuchs (in unserem Fall sogar jeder Menge Nachwuchs). Aber was, wenn dieser Moment mit dem allerschlimmsten Ereignis im Leben eines jungen Menschen zusammenfällt? Wer würde sich das nicht lieber ersparen – und ebenso der Person, die so arglos gefragt hat? Der Schock. Das Entsetzen. Das ganze Grauen.
Tatsache war, dass unsere Eltern sich in New Jersey kennengelernt hatten, in einer konservativen Synagoge, die wie ein brutalistischer Ostblockbau aussah. Sie hieß Beth Jacob, befand sich in Hamilton Township, und der traurige Anlass war das Begräbnis eines neunzehnjährigen Mädchens namens Mandy Bernstein, das vier Tage zuvor in einem Auto ums Leben gekommen war, das ihr Freund steuerte, unser Vater, Salo Oppenheimer. Mandy war ein dynamisches, vor Leben nur so sprühendes junges Mädchen gewesen, mit strahlendem Lächeln und langem dunklen Haar, der älteste Spross und ganze Stolz ihrer Familie (die Bernsteins aus Lawrenceville, New Jersey, und Newton, Massachusetts). Sie studierte im zweiten Jahr Psychologie an der Cornell University und betrachtete sich als die glückliche Auserwählte und zukünftige Lebenspartnerin von Salo Oppenheimer. Mandy Bernstein war eine von zwei Cornell-Studenten, die bei dem Unfall ums Leben gekommen waren; das andere Opfer war Salos Freund und Bundesbruder Daniel Abraham, ein liebenswerter Junge, der zum ersten oder zweiten Mal mit der anderen Person auf dem Rücksitz verabredet gewesen war. Diese Person lag noch im Krankenhaus in Ithaca. Nur Salo war beinah unverletzt aus dem Autowrack gestiegen.
Selbst damals hatte niemand ihm einen Vorwurf gemacht. Wirklich niemand! Trotz aller Wut und Trauer der Familien Abraham und Bernstein und der vielen Freunde dieser zwei jungen Menschen, die so unfassbar schlagartig nicht mehr da waren, hielten alle in der Synagoge (wie in der folgenden Woche auch alle bei Daniel Abrahams Gedenkgottesdienst in der E. Bernheim & Sons Bestattungskapelle in Newark, New Jersey) eisern an der Überzeugung fest, dass Salo Oppenheimers nagelneuer Laredo mit völlig statthafter Geschwindigkeit unterwegs gewesen war, als er auf einen losen Felsbrocken traf und sich – unvermittelt, völlig unbegreiflich – überschlug und auf dem Dach landete, halb am Straßenrand, halb im Graben. Es hatte den Anschein, als obdie Hand Gotteshöchstselbst das Fahrzeug hoch gerissen und auf die Erde zurückgeschleud