Elvira Lind hat beschlossen zu sterben. Der Gedanke ist ihr über die Jahre öfter gekommen und jedes Mal wieder verflogen, doch nach sechs Monaten innerhalb geschlossener Mauern und hinter vergitterten Türen steht ihr Entschluss fest. Heute ist es so weit: Sie will das Bettlaken durch den Gittereinsatz in der Tür schlingen, hat schon kontrolliert, ob es hält, und sichergestellt, dass die Tür ihr Gewicht tragen kann, obwohl sie derzeit mehr wiegt denn je.
Im Grunde hätte sie sich bereits tags zuvor umbringen können, doch sie wollte ein letztes Mal das befreiende Gefühl des Einschlafens erleben und das Grauen verspüren, an einem weiteren Tag aufzuwachen, an einem letzten Morgen voller Panik angesichts ihrer Lage, einfach um sich selbst davon zu überzeugen, dass der Tod die einzig richtige Entscheidung ist. Endlich hat ihre Lebensangst ein Ende. Elvira hat nie verstanden, warum es Todesangst heißt, wenn es doch das Leben ist, das einem Angst macht.
Eine Kindheitserinnerung flackert auf, in der ihre Mutter eine Rolle spielt. Elvira versucht, sie festzuhalten, kann sie aber nicht vollends greifen und ärgert sich, als die Erinnerung ihr prompt wieder entgleitet. Von allen Dingen, die sie im Leben vermisst hat, macht dies ihr den größten Kummer: keine Mutter gehabt zu haben, die gesund, stark und liebevoll war. Elvira weiß natürlich, dass ihre Mutter krank war, dass das Problem in ihrem Kopf steckte und all die Unzulänglichkeiten nur darauf zurückzuführen waren. Dass die blöde Kuh vom Jugendamt nur deshalb der Ansicht war, Elvira könne nicht zu Hause wohnen bleiben. Kranke Mütter verlieren das Sorgerecht für ihre Kinder, während Väter mit allem davonkommen.
Elvira hat oft darüber nachgedacht, wie es hätte werden können, wenn ihre Mutter nicht krank gewesen wäre. Womöglich hätte sie Zimtschnecken gebacken, sie vom Hort abgeholt, zum Fußballtraining und zu Freundinnen gefahren, an Elviras Geburtstagen Luftballons aufgeblasen. Ohne die Krankheit hätte sie Elvira die Haare geflochten, ihr im Sommer die verschrammten Knie verpflastert, im Dezember mit ihr zusammen den Weihnachtsbaum geschmückt, Sahnebonbons gekocht und Geschenke eingepackt. Doch nichts dergleichen hat ihre Mutter gemacht. Weil sie krank war, im Kopf und in der Seele.
Elvira stemmt die Hände auf die Matratze und steht auf. Ihr Bauch sieht aus wie ein Wasserball, die Haut ist gerissen. Immer noch sechs Wochen Schwangerschaft. Es zieht im Kreuz, wenn sie sich bewegt. Gestern hatte sie eine Zwischenblutung und musste heulen, weil die nicht früher eingesetzt hatte. Sie hatte lange gehofft, eine Fehlgeburt zu erleiden, am Ende jedoch einsehen müssen, dass es dazu nicht kommen würde. Elvira weiß genau, dass sie nicht Mutter werden kann, nicht Mutter werdendarf. Sie darf nicht riskieren, dass ihr Kind ähnlich aufwachsen muss wie sie selbst. Außerdem sitzt sie hinter Gittern, innerhalb geschlossener Mauern in klammen Räumen tief unter der Erde. Hier unten kann doch kein Mensch als Elternteil funktionieren – ganz gleich, ob man krank in der Seele ist oder nicht.
Noch ist es Nacht, noch ist keine Klaviermusik aus den Lautsprechern gekommen. Der Schein der gedimmten Lampe draußen im Aufenthaltsraum fällt durch die Gittertür und wirft ein verzerrtes Schattennetz auf den Steinboden. Elviras Zimmer ist klein und kühl, es gibt ein Bett, eine Toilette und ein Waschbecken aus Edelstahl, nichts weiter. Elvira weiß, dass die Tür abgeschlossen ist, aber das macht nichts. Man kann sich trotzdem ganz hervorragend daran erhängen.
Sie dreht sich um und will gerade das Laken abziehen, als sich etwas tief in ihrem Innern verkrampft. Schon in der nächsten Sekunde rauscht das Fruchtwasser aus ihr hinaus. Sie ist verdattert und fasziniert zugleich: Es ist so viel, dass es vom Boden bis hoch zu den Oberschenkeln zurückspritzt. A